Manfred Schröder: Tuomas


Leseprobe
Tuomas von Manfred Schröder
aus dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten



Tuomas
© Manfred Schröder

Tuomas schoss den Stein durch ein imaginäres Tor. Volltreffer! Er wollte schon zum zweiten Schuss ansetzen, doch er hielt inne. Der Gedanke an Mamma war stärker als die Fußballweltmeisterschaft in seiner Phantasie. Er trug die neuen Schuhe heute zum ersten Mal. Und er kannte Mammas Wutausbrüche. Zwar kurz, aber nicht ungefährlich. So verzichtete er auf das Goldene Tor und war mit dem Ergebnis zufrieden. Er blickte auf seine Schuhspitzen. Zum Glück gab es keine Schrammen.
„Milano“, hatte sie betont. „Echtes Leder. Und das ist nicht billig.“
Papa war anders. Er war still und trank. Wenn auch nicht viel. Jetzt war er arbeitslos und trank ein bisschen mehr. Doch dies tat er fast nie zu Hause, sondern mit den Kumpels beim Lalli*. Manchmal machte er Schwarzarbeit. Das Geld gab er Mamma. Dann wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, und schwankte zwischen Dankbarkeit und Jammern. Dass das Geld weder vorne noch hinten reiche und sie nicht wisse, wie alles bezahlt werden solle.
Tuomas hatte sich daran gewöhnt. Er war zwölf und schien unaufhörlich zu wachsen. So behauptete es jedenfalls Mamma.
„Auf dem Flohmarkt gibt es gute und billige Sachen“, erklärte des Öfteren Papa. „Tuomas könnte sie bestimmt tragen.“
Mamma kaufte jedoch alles im Geschäft. „Wir sind keine Bettler!“ Trotzdem vergaß sie nie, darauf hinzuweisen, wie schnell das Geld verschwand.
Papa nickte dann nur und schwieg. Oder er stand auf und ging zum Lalli.
Ab und zu steckte er Tuomas ein paar Euro zu; heimlich. „Ein großer Junge braucht schon mal etwas Geld.“
Tuomas verstand nicht immer die Handlungsweisen von Papa und Mamma. Er lebte in seiner eigenen Welt, irgendwo zwischen Supermann und Fußballstars.
Am Samstag beim Frühstück hatte sich Mamma wieder in Rage geredet. Die Zeitung berichtete über einen Mann, der ein kleines Mädchen unsittlich belästigt haben sollte. Und dann davongelaufen war, als er Spaziergänger kommen sah.
„Und das alles hier in der Nähe des Parks.“
Dann hatte sie Papa die Zeitung gereicht. „Das ist er!“
Die Polizei hatte eine Zeichnung anfertigen lassen. Ein älterer Mann mit traurigen Augen.
„Hoffentlich kriegen die den bald. Weißt du noch, im letzten Jahr?“
Dann war sie plötzlich aufgesprungen, aus der Küche gerannt und nach kurzer Zeit mit Liisa auf dem Arm zurückgekehrt. Liisa war Tuomas’ kleine Schwester und drei Jahre alt. Mamma hatte geschnauft und war ganz aufgeregt. Als ob der Unhold sich schon in der Wohnung befunden hätte.
Nach einer Weile hatte sie sich beruhigt und Liisa auf Tuomas’ Schoß gesetzt. „Pass auf, dass sie nicht herunterfällt.“
Er konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals auf den Boden gefallen wäre, wenn sie auf seinem Schoß gesessen hatte.
Mamma war dann zum Ofen gegangen, hatte mit den Töpfen herumhantiert und sich über die Unfähigkeit der Polizei wieder in Rage geredet.
Papa war aufgestanden. „Ich gehe zum Markt. Ohlson hat Arbeit für mich.“
Ohlson war der Gemüsehändler, bei dem Papa manchmal aushalf. Mamma kannte ihn nicht, doch sie mochte ihn nicht leiden. „Der nützt dich doch bloß aus“, ereiferte sie sich jedes Mal. Dennoch war sie froh über das Geld, das Papa nach Hause brachte. Ebenso über das Obst und Gemüse, das er in großen Tüten heranschleppte.
Als Papa gegangen war, hatte Tuomas Mamma seine Hilfe angeboten. „Ich kann mit Liisa auf den Hof hinuntergehen. Sie kann dort im Sandkasten spielen.“
Natürlich hatte sie wieder ihre Zweifel gehabt. „Aber sei vorsichtig, dass nichts passiert. Kann ich mich darauf verlassen?
Tuomas hatte genickt. „Du kannst, Mamma!“
Sie hatte Liisa angezogen und selber hinuntergebracht. War zum Sandkasten gegangen und hatte ihn erst untersucht. „Dauernd laufen hier Hunde herum. Warum kann man sie nicht an der Leine halten!“ Und voller Sorgen war sie ins Haus zurückgekehrt.
So war es oft am Samstag.
Tuomas setzte sich auf eine umgedrehte Holzkiste, die jemand hatte liegen lassen. Hinter ihm lag der Park und vor ihm erhoben sich hochgezogene Mauern eines Hauses, welches sich noch im Rohbau befand. Eisengerüste umklammerten es wie riesige Spinnenbeine. Überall lag Material umher, das man am Freitag, wohl in Erwartung des Wochenendes, nicht mehr weggeräumt hatte.
Tuomas blickte den Wolken nach, die lustlos wie ein Sonntagnachmittag am Himmel dahinzogen. Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er erblickte einen bärtigen Mann, der sich auf das Haus zubewegte und ein mit einem Strick zusammengehaltenes Bündel unter dem Arm hielt. Er trug einen langen, grauen Mantel und seinen Kopf bedeckte eine Wollmütze.
Tuomas kannte solche Männer. Manchmal saßen sie auf den Bänken im Park oder schliefen dort, wenn es nicht zu kalt war.
„Gesindel“, sagte Mamma immer. „Das Einzige, was die können, ist trinken. Zum Arbeiten haben die doch keine Lust.“ Dabei schaute sie manchmal Papa an, als gehöre er auch zu jenen.

Die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten

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