Patricia Koelle: Eine Frage der Zeit


Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Eine Frage der Zeit

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneEr würde wieder Unmögliches von mir verlangen. Ich sah es an Ekki Priemers betont gleichgültigem Gesicht, als er am Montagnachmittag mit den Händen in den Taschen auf meinen Schreibtisch zugeschlendert kam.
Keine Ahnung, wie er darauf gekommen war, dass Julius Anwander zu einem der wirren und weitläufigen Zweige meiner Familie gehörte. Aber Priemer ist Herausgeber der Lokalzeitung, und es ist sein Job, alles zu wissen. Vor allem die Dinge, die er nicht wissen soll.
Und er ist mein Chef.
„Karla“, sagte er, „Sie haben doch Semesterferien.“
Da er das schließlich ganz genau wusste, konnte ich es schlecht abstreiten.
„Ich muss für eine Prüfung lernen“, sagte ich.
Er wischte diesen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. „Das können Sie auch woanders. Ich möchte, dass Sie ein paar Tage wegfahren. Da gibt es dieses idyllische Nest. Altenholz. Und genau da lebt dieser merkwürdige Kauz, dieser Anwander, der niemanden an sich heranlässt.“ Er beugte sich blitzschnell zu mir herunter und bohrte seinen Haifischblick in meine Augen. „Aber Sie wird er lassen. Ich weiß, dass Sie mit ihm verwandt sind. Es ist mir gleich, wie weit entfernt.“
„Ich kenne ihn aber nicht. Wer ist das?“
„Tun Sie nicht so unschuldig“, zischte er. „Selbstverständlich haben Sie von ihm gehört. Auch in Ihrer Familie gibt es Klatsch und Tratsch. Der war Arktisforscher und dann hat er diese Bücher geschrieben, die die Leute verzaubert haben, bevor sie sie wieder vergaßen. Über erschreckend kurze Tage und ewige Nächte, über Nordlichter, die ihn mit ihrer Schönheit zum Heulen brachten, über großartige Begegnungen mit Eisbären, leuchtenden Algen, Eiswürmern und dem Alleinsein mit sich selbst und seiner Angst in einer ungeheuren Weite. Er hat siebzehn verschiedene Blautöne in einem einzigen Eisberg gefunden. Er hat die Schwierigkeiten, auf treibenden Eisschollen meteorologische Instrumente vor einem Publikum aus neugierigen Seehunden aufzubauen, so beschrieben, dass die Menschen Tränen lachten. Aber er hat sich nie zu Lesungen überreden lassen. Nicht einmal zu Interviews.“
„Und was ist jetzt der aktuelle Bezug?“, wollte ich wissen. „Hat er ein neues Buch geschrieben?“
„Nein. Man hat seit Jahren nichts von ihm gehört. Aber Klimawandel, Gletscherschmelze, Erhöhung des Meersspiegels, Sie wissen schon. Ist doch hochaktuell. Vielleicht hat der verrückte Kauz was dazu zu sagen, was die Leute verstehen. Die Experten im Fernsehen faseln Fachchinesisch. Damit kann keiner was anfangen. Anwander ist einer, der die Leute berühren kann.“
„Offenbar will er aber nicht mehr.“
„Dann bringen Sie ihn dazu, Frau März. Oder liegt Ihnen nichts mehr an Ihrer Arbeit bei uns?“ Er roch nach alten Zwiebeln.
Am liebsten hätte ich ihn frech angegrinst und meinen Schreibtisch geräumt. Aber leider brauchte ich den Job. Auch wenn es nur die Lokalzeitung war. Priemer war anerkannt, die Zeitung hatte einen guten Ruf. Ich brauchte Erfahrung und Referenzen, wenn ich eine erfolgreiche Journalistin werden wollte. Das Geld übrigens auch.
Natürlich kannte ich die Bücher von Julius Anwander. Seinetwegen hatte ich sogar einmal Arktisforscherin werden wollen. Na gut, da war ich dreizehn. Aber einen Rest von Bewunderung und Begeisterung konnte ich durchaus wiederfinden.
Nur hatte Julius keinem Mitglied seiner umfangreichen Familie jemals ein Zeichen gegeben, dass er bewundert werden wollte. Oder befragt.
„Wann soll ich losfahren?“, fragte ich den Haifisch.
„Morgen natürlich. Sie finden bestimmt einen preiswerten Gasthof. Besorgen Sie ein Geschenk für den Alten, Wein, Blumen, was auch immer. Die Zeitung zahlt. Und dann ran an ihn. Finden Sie heraus, was er denkt. Über die Zukunft. Über unseren Umgang mit der Umwelt. Ob er einen Rat hat. Egal. Hauptsache, es klingt interessant. Ein Interview mit Anwander ist schon eine Sensation, der Inhalt ist nicht wichtig.“
„Toll!“, dachte ich, „Inhalt unwichtig – das ist nicht wirklich die Einstellung, mit der ich meine Karriere beginnen wollte.“
Nun, ich würde schon einen finden, der sich lohnte. Vorausgesetzt, ich fand Julius Anwander.
Der Haifisch hatte zwar seine aktuelle Adresse herausgefunden, aber das hieß ja noch lange nicht, dass da auch jemand zuhause war. Vielleicht war er auf Expedition. Er war nämlich noch gar nicht alt. Achtundfünfzig, um genau zu sein.
Ich fand es auch nicht gerade höflich und respektvoll, ohne Ankündigung bei ihm aufzukreuzen. Aber wenn er nicht besucht werden wollte, war es wohl besser, ihn zu überrumpeln, als mir von vornherein eine Absage zu holen.
Als Verwandte kann man ja einfach mal vorbeikommen, oder?
Was Priemer nicht wusste, war, dass in der Nähe von Altenholz noch eine Tante zweiten Grades von mir wohnte, die sich über einen Besuch von mir freute. Ihre Kinder waren längst ausgeflogen und außer schwatzhaften Nachbarn und Stubenfliegen trieb sich nicht allzu viel Leben bei ihr herum.
Ich bezog also ein winziges Gästezimmer bei Tante Marietta, in dem alles kariert war, Bett, Gardinen, Teppich, Tischdecke, Waschlappen, sogar eine Bordüre an den Wänden. Mir kamen Bedenken, ob ich nach drei Tagen hier noch einen Gedanken würde fassen oder einen Satz schreiben können, der nicht auch kariert war. Aber Tante Mariettas Schokoladenkuchen rückte alles wieder gerade. Falls er mich nicht sogar unverwundbar machte. Vielleicht konnte ich damit sogar Julius Anwander bestechen.
„Der Julius?“, sagte Tante Marietta auf meine Frage hin in einem Ton, als hätte sie eine Ratte in der Speisekammer gefunden. „Den kannst vergessen.“ Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Ich vermutete, dass Julius sich irgendwann einmal nicht für ihre Geburtstagskarte bedankt hatte und seit Jahren nicht in der Kirche gesehen worden war. Aber vielleicht steckte noch mehr dahinter. Langsam wurde ich neugierig.
„Geh ruhig hin“, sagte Tante Marietta düster. „Wirst sehen, was davon hast.“
Beim Kofferpacken hatte ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich mich chic machen sollte, um Eindruck bei Julius zu schinden, oder ob ihn etwas Bodenständiges, Praktisches eher wohlwollend stimmen würde. Ich entschied mich für Letzteres, da er in der Arktis bestimmt nicht mit Krawatte herumgelaufen war.
Die Überlegungen hätte ich mir sparen können. Bei uns war schon fast Frühling, aber hier oben hatte es sich der Winter offenbar für längere Zeit gemütlich gemacht. Als ich aufwachte, zeigte das Thermometer minus fünfzehn Grad, und zu den zwanzig Zentimetern Schnee von gestern waren dreißig hinzugekommen. Etwas anderes als ein dicker Pullover, Thermohosen, Stiefel und Skijacke kam sowieso nicht in Frage. Anwander wohnte auf einem alten Hof halb den Berg hinauf. Tante Marietta war nicht der Meinung, dass die Straße dorthin geräumt worden war. Sie drückte mir eine Wanderkarte in die Hand und sagte, ich solle dem Weg mit dem grünen Doppelstrich folgen. Ich steckte mein Diktaphon ein, meinen Notizblock und ein Stück Kuchen, von dem ich behauptete, es als Proviant zu benötigen.
Der Weg war länger als gedacht. Mehrfach versank mein Bein bis zum Knie in einer Schneeverwehung, und darunter griffen Wurzeln nach mir. Ein scharfer Wind fand den Weg durch Reißverschlüsse und Ärmel. Winzige Tannen wirkten wie Wesen im Pelz, die sich zueinander gebeugt Geheimnisse ins Ohr flüsterten. Eigentlich fand ich es herrlich. Ohne Grund wäre ich niemals hier spazieren gegangen. Warum eigentlich? Aber als ich schließlich den Rabenhof fand, hatte ich nasse Füße und Hosen, steif gefrorene Finger trotz meiner Handschuhe und freute mich unheimlich auf eine Tasse heißen Tee. Oder heißen Irgendwas.
Er hatte nicht einmal den Weg zur Haustür gefegt. Wenn es einen gab. Immerhin gab es ein Schild. „J.A.“ stand darauf. Das Gebäude war niedrig, und die Kanten vom Dachüberhang verschwanden fast im Schnee. Der First schien nicht mehr ganz gerade zu sein. Er wirkte, als sei das ganze Haus zusammengesackt und niemand hätte es bemerkt.
Ich fasste mir ein Herz und klingelte.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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