Mila Carnel: Fräulein Afrika


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Leseprobe aus dem Buch / eBook
Erzähl mir was von Afrika


Fräulein Afrika
© Mila Carnel

New York, 19.7.53

Liebe Tilda,

dann will ich dir also noch einmal schreiben, bevor ich nach Deutschland komme, und will versuchen, deine Fragen zu beantworten. All die Zeitungsausschnitte über mich hast du gesammelt! Ich werde dich in Berlin besuchen, vielleicht magst du ja mit an den Rhein kommen; warst mir immer eine gute Freundin und ich wüsste dich gerne beim Festakt an meiner Seite, wenn Herr Adenauer mich um meine Arbeit ehrt.
Wie das also zuging?
Von dem Fred musste ich weggehen, als er sich mit seiner Frau aussöhnte. Sie war plötzlich wieder da, nachdem sie ihn mit so viel Drama verlassen hatte. Er machte mir eine „anständige Erklärung“, wie er es nannte, damit jeder wusste, woran er war. Ich wusste es dann doch nicht, bin viel in den Straßen von Berlin umhergezogen. Beim Hinterhof-Karl konnte ich beizeiten unterkommen. Die Stadt war mir wie eine große, fröhliche Familie – die mich aber verstoßen hatte. Da war in einer Kirche eine Filmvorführung von der „Mission der Weißen Väter“, gab meine letzten Groschen, es sei eine Gabe für die Mission, hieß es und sah den Film. So dunkel die Menschen und so anders und so wenig am Leib und doch so stolz. Einer der Missionare mit weißem Bart und Tropenhelm sprach anschließend davon, dass sie immer gesunde Menschen christlicher Gesinnung suchen für Afrika, da wusst’ ich: Ich will fort! Und geh ganz höflich zu dem Rauschebart und frag ihn: Was ist ihm eine “christliche Gesinnung“ und was macht man da in Afrika? Treu im Glauben soll man sein und eine gute Ehefrau und ein Beruf sei wichtig, und ich denk: Das schaff ich ihm alles und er schafft mich auf ein Schiff nach Afrika.
Ich wusste plötzlich, was ich all die Jahre in Berlin gesucht hatte: Die Aufregung, was von Abenteuer, die Menschen und ich in allem. Ich hörte noch den ganzen Abend die Trommeln, die sie von einer Walze abgespielt hatten, und das war dann mein Puls, meine Unruhe. Ich sprach mit Karl darüber und sagte ihm: „Du willst mich doch, dann lass mich deine Frau werden und wir gehen nach Afrika.“ Das war ihm nur zum Lachen, er wollt in seinem Hinterhof bleiben, bei seinen Knöpfen und Kaninchen und sagte mir, ich sollte doch in den Zoologischen gehen, da wär oft Völkerschau. Ich sag ihm, er hat einen Tag zum Überlegen – ich käm nach Afrika! Ich schrieb dem Fred einen Brief mit Lebewohl und so. Und denk dir: Am nächsten Morgen ganz in der Früh ist der Fred plötzlich da, schlecht sieht er aus, meinen Brief hat er dabei, und sagt, ohne mich kann er dann auch nicht sein. Und überhaupt, was wären das für Zeiten: Alle wollten einem die Welt erklären, aber sagen doch nur warum sie schlecht ist. Viele Parolen gibt es, aber keine Arbeit.
„Elli, ich möchte mit dir nach Afrika!“
„Was sagt denn deine Frau dazu?“
„Die sagt, sie erstickt an meinen Ansprüchen und wir würden aneinander doch nur unglücklich werden.“
Und so geben Fred und ich das christlich gesinnte Paar vor den weißen Vätern, einen Trauschein hat uns der Karl gemacht und weil der Fred Zeichner ist, sagen sie, er soll Bibelbilder malen; und ich kann Maschine schreiben, das ist gut für die Verwaltung, denn je wilder das Land, desto wichtiger die Verwaltung. Bald sind wir in Bremerhaven und auf dem Schiff; ich habe keinen zum Hafen kommen lassen, wäre ich doch vielleicht schwach geworden, hätte ich ihre Tränen gesehen. Als wir auf hoher See sind und die Wellen uns schwanken lassen, weiß ich: ich bin jetzt kein Korken mehr, der in der Stadt umhergesprudelt wird, jetzt wird alles anders.
Wir kamen nach Daressalam. Mit uns waren Bethel-Missionare und solche von den Weißen Vätern, und dort wo der Zug seinen letzten Halt hatte, war eine Musikkapelle in weißen Uniformen angetreten und spielte entschlossen aus schwarzen Gesichtern einen Marsch. Am Rande des Bahnsteigs standen Eingeborene, dürftig mit Webtuch bekleidet, zwei auch mit Raubtierfell; sie standen dort auf lange Stöcke gelehnt, den Fuß des einen Beins am Knie des anderen Beins; standen dort wie seit Zeitaltern, sahen Züge kommen, Deutsche, Engländer, Missionare und jetzt bin ich da und es ist das Aufregendste in meinen Leben, aber ihnen ist das eins.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook

Erzähl mir was von Afrika
Erzähl mir was von Afrika

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