Karin-Anne Tomschitz: Der Haarelasser


Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Abenteuer im Frisiersalon – Haare schneiden – Glatze – Friseurgeschichten

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Abenteuer im Frisiersalon


Der Haarelasser
© Karin-Anne Tomschitz

Robert K. war seit fünfzehn Jahren verheiratet. Ebenso lange arbeitete er bereits für die Unionsbank. Kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag rief ihn sein Chef zu sich ins Büro und eröffnete ihm, dass er von einem gierigen Mutterkonzern, der sich die Unionsbank einverleibt hatte, wegrationalisiert wurde. Man fand Robert großzügig ab und entließ ihn mit Worten des Bedauerns in einen sonnigen Spätsommer. Dieser sollte bald zum Herbst werden und Robert fühlte, dass auch der allgemein so bezeichnete Lebensabschnitt unmittelbar bevor stand.
Robert fiel in ein schwarzes Loch. Sein Lebensinhalt war ihm genommen. Die nächsten acht Wochen hat Robert daraufhin auf der Wohnzimmercouch verbracht. Kurz nachdem seine Frau in die Arbeit gegangen war stand er gewöhnlich auf. Dialoge am Frühstückstisch galt es zu vermeiden. Aufgrund seiner momentanen Situation mangelte es ihm an Gesprächsstoff. Sein Tagesablauf war lose geplant. Er begann mit dem Frühstücksfernsehen, dazu trank Robert Milchkaffee. Zu Mittag sah er sich Weltnachrichten an, döste ein wenig, und dann wurde es Zeit für das Nachmittagsprogramm.
Robert ließ einen warmen Frühlingsregen aus Talkshows, Reality-Soaps und Gerichtssendungen auf sich einplätschern, während er diverse Tiefkühlgerichte verzehrte. Er konnte sich nicht erklären, warum die Zeit überhaupt verging. Offenbar wusste sie es nicht besser. Am Abend irgendwann kam Magda wieder heim.
Wenn sie ihn dann immer öfter mit einem Sackerl Chips vor einer Folge von Raumschiff Enterprise aus den Sechzigern ertappte, wurde sie aufgebracht.
„Hast du dir wenigstens die Anzeigen durchgelesen, die ich dir hingelegt habe?“
Aber sie sah sofort, dass der Zeitungsteil wieder einmal unberührt war. Vor dem Einschlafen dachte Magda manchmal an Scheidung und irgendwann, als sie Robert neben sich schnarchen hörte, beschloss sie, dass es nun an der Zeit war zu handeln. Am nächsten Morgen jedoch telefonierte sie nicht mit ihrem Anwalt, sondern bestellte kurzerhand das Kabelfernsehen ab.
Robert fiel in ein schwarzes Loch. Sein Lebensinhalt war ihm genommen. Ein Versuch, den er mit den öffentlich-rechtlichen Kanälen gestartet hatte, währte lediglich einen Vormittag lang. Auf einen Dokumentarfilm über den Schiffsbau Mitte der siebziger Jahre sollte Kinderprogramm folgen. Robert entschied, vor die Tür zu gehen. Er dachte an seine Studentenzeit, in der er pflichtschuldigst seinen Beitrag zur Wiener Kaffeehauskultur geleistet hatte.
Von nostalgischen Gefühlen begleitet, machte er sich auf den Weg Richtung Innenstadt.
Das Wetter war trüb, selbst für Ende Oktober. Leichter Nebel fiel ein, obwohl es erst halb zwei Uhr Nachmittag war. Robert hoffte, bald die dezente Leuchtschrift seines früheren Stammcafés durch die zarten Schwaden ausmachen zu können. Der Gedanke, in einer rotsamtenen Sitzbank sowie in Erinnerungen zu versinken, hatte etwas Tröstliches.
Auch Roberts zartes Schwelgen konnte den beißenden Geruch nach heißem Frittierfett, der unvermutet in seine Nase drang, nicht bremsen. Dort wo früher ein Mohrenkopf mit orientalischer Kopfbedeckung für eine bestimmte Kaffeesorte geworben hatte, prangte nun das Brandmal einer US Fastfood-Kette. Hatte der Besitzer des von Robert so oft frequentierten Lokals etwa Hochverrat begangen und war zum Franchisenehmer mutiert? Nein, das war unvorstellbar! Wahrscheinlich genoss er bereits irgendwo pfeiferauchend seinen wohlverdienten Ruhestand.
Irritiert begab Robert sich zu einer weiteren Lokalität in der Nähe. Er stellte erfreut fest, dass dort immer noch Kaffee ausgeschenkt wurde. Allerdings war dieses Haus ebenfalls dem Trend zum Amerikanismus anheim gefallen. Robert beschloss, dennoch einen Versuch zu wagen. Es gab dort Selbstbedienung, keinen Herrn Franz, der zwischen den Tischen umherschlenderte. Als Robert eine Melange orderte, sah ihn der uniformbekleidete Junge an der Kassa unsicher an. „Einen Macchiato Caramel, oder einen Cafe Latte mit Vanillearoma vielleicht? Möchten Sie ein After Coffee Mint dazu?“
Robert war wie gelähmt, stammelte etwas von „keine Zeit mehr“ und fand sich auf der Straße wieder, um seine Reise fortzusetzen.
Es dämmerte mittlerweile. Nieselregen fiel. Seit nunmehr vier Stunden hatte Robert alle Kaffeehäuser abgeklappert, die er aus seiner Jugend kannte. Diejenigen, die nicht in Kommerztempel umgewandelt waren, in denen die Kids ihren herzlosen Götzen huldigten, fristeten ihr Dasein als Touristenfallen. Unmengen von Asiaten, die auf Kuchenstücke in der Vitrine zeigten. „Unbelievable, it’s a real Guglhupf!”
Das leichte Nieseln hob an, zu einem ausgewachsenen Wolkenbruch zu werden. Robert hatte keinen Schirm bei sich. In der Porzellangasse stellte er sich in einer Einfahrt unter. Zwei Häuser weiter kam eine ältliche Dame mit ihrem Pudel aus einem Frisiersalon. Das Tier trug einen roten Regenmantel. Als die Frau an Robert vorbeiging, umwehte ihn ein warmer Hauch; der Geruch von Shampoo und die charakteristische Aura von überheizten Räumen mit hoher Luftfeuchtigkeit, die in Roberts Gehirn unweigerlich das Bild von Mutters Waschküche, das Bad am Samstagabend, kurzum einer ultimativen Geborgenheit hervorbrachte, wie Robert sich sicher war, sie seit seiner Kindheit nicht mehr verspürt zu haben. Fünf Minuten später saß er auf einem Friseursessel. Das Lehrmädchen, welches ihn bediente, lächelte reizend: „Waschen und schneiden?“
Robert nickte und überließ sich der Aufmerksamkeit, die in der folgenden Stunde seinem Haupthaar zuteil werden sollte. An diesem Abend kam Robert zufrieden nach Hause. Magda bemerkte, dass ihr Mann unterwegs gewesen war und verbuchte dessen Aktivitätsschub auf ihrem Erfolgskonto.
Der Friseurbesuch bedeutete die Wende.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook


Abenteuer im Frisiersalon

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