B. Richard: Verwischte Bilder


Der Mann, der vergewaltigt wurde

Der Mann, der vergewaltigt wurde

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten



Verwischte Bilder
© B. Richard

Das Pflegeheim macht einen angenehmen Eindruck. Zumindest gibt es auf den ersten Blick keine muffigen Klischees zu entdecken, aus denen üblicherweise sich in Bestürzung suhlende Fernsehreportagen zusammengemixt werden. Jene, in denen verwelkende Menschen wie Zombies durch trostlose Gänge tippeln, auf der verzweifelten Suche nach dem Weg aus der Kameraeinstellung.
Ich folge dem dicken, wippenden Hintern einer freundlichen Schwester, die mir erklärt, dass viele der Bilder in den Gängen von Menschen aus dem Heim stammen. Von Pflegebedürftigen, die immerhin noch ihre Hände bewegen können, und denen der Verstand noch befehlen kann, irgendwie Farben auf einer Leinwand zu verschmieren. Ich glaube, die haben direkt zum Ausdruck gebracht, was in ihren Köpfen los ist. Oder besser gesagt, nicht mehr los ist. Eigentlich ein Grund, hier schnellstens wieder zu verschwinden.
„Soweit es Sinn macht, fordern und fördern wir“, erzählt mir die Schwester über die Schulter hinweg, mit einer Begeisterung, als würde sie mich durch eine Schule für besonders begabte Kinder führen. „Wir haben hier beispielsweise einen älteren Herrn, einen ehemaligen Schiffskapitän. Der hat früher Luxusliner kommandiert. Heute ist das Schachspielen der einzige Weg, mit ihm in Kontakt zu treten. Ich spiele gelegentlich gegen ihn. Er gewinnt jedes Mal.“
Ich denke an dich. Schach spielten wir nie. Wir hämmerten aber mal beim exzessiven Herumficken Jeremys Schachbrett vom Tisch. Eine dieser offenen Partien, die er per Telefon mit irgendeinem seiner langweiligen Freunde zu spielen pflegte. Jeden Tag nur einen Zug. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, als Jeremy wissen wollte, wie das überhaupt passiert wäre. Du hattest was von „ungeschickt“ und „nicht darauf geachtet“ gestammelt. Irgendwie beschäftigte das den guten alten Jeremy aber noch den restlichen Tag. Sogar abends fragte er mich danach. Ob ich dabei gewesen wäre, als du sein geliebtes Schachspiel vom Tisch fegtest. Wie genau das denn passiert wäre. Ich hatte nicht antworten können, hatte ich doch gerade seinen Schwanz im Mund und ihn fast so weit, dass er hart wurde – weil ich hineinbiss, um nicht zu lachen.
„Gehören Sie zur Familie?“, fragt mich die Schwester.
„Nicht direkt.“
„Also ein guter Freund“, stellt sie klar. Mehr für sich selbst. Offensichtlich braucht sie diese Klarheit. Ich hoffe, dass sie nicht weiter fragen wird. Sie fragt nicht weiter.
Als einen guten Freund von dir und Jeremy kann man mich schon bezeichnen, wenn man an unsere wilden Zeiten denkt. Aber das ist lange her. Der Abstand ist mittlerweile groß genug, um meine Erinnerung so bunt zu verwischen wie die Bilder in den Gängen des Pflegeheims. Erinnerungen an Momente mit euch, in denen wir manches Mal derart ineinander verschlungen waren, dass mir gar nicht mehr klar war, in wem ich gerade steckte oder wessen Mund sich gerade an mir zu schaffen machte. Und Erinnerungen an Diskussionen über Literatur, Malerei, Filme und über den Sinn des Lebens und all die anderen Themen, denen ich mich damals nur saufend und koksend nähern konnte. Ich habe aber auch viel von euch gelernt und es sehr genossen, wenn Jeremy uns etwas aus seinen aufregenden Büchern vorlas oder du am Klavier mit deinem wohlklingenden Spiel nie ganz zufrieden warst, während die getupften Melodien von Eric Satie eine tiefe Sehnsucht in mir entfachten, mehr von all dem zu hören und zu wissen.
Ich denke an Ravel und Debussy, Jeremys Erfüllung. Weich und anschmiegsam war er bei manchem ihrer verspielten Klänge geworden. Anfangs, bei unseren ersten Arrangements, hatte er mich noch wie eine Sache behandelt, mich nicht an seinen Passionen teilhaben lassen. Es hatte lange gedauert, bevor er zum ersten Mal meinen Namen aussprach, ohne dass es so klang, als würde er einen Hund rufen. Und dass er mich schließlich in aller Ruhe die Pavane pour une Infante Défunte hören ließ, während er mich dabei nur schweigend beobachtete.
Du hattest es von Anfang an gewusst, warum Jeremy mich in euer Leben geholt hatte. Und nie etwas dazu gesagt. Er hatte Geld, Macht und Einfluss genug, Lebensumstände wie Tapeten zu wechseln und Menschen wie Möbel zu platzieren, immer genau dort, wo er sie am liebsten haben wollte. Jeremy hatte mich organisiert, wie er nahezu alles in seinem Leben organisierte. Er hatte mich irgendwann irgendwo gesehen und mit dem Finger geschnippt. Es hatte Leute gegeben, die dafür sorgten, dass ich sofort einverstanden war und fortan sein Spielzeug wurde. Und ich hatte schon immer besonders dann gern und ohne zu klagen auf ein Fingerschnippen reagiert, wenn die andere Hand dazu mit einem dicken Geldbündel wedelte.
Du hattest dich erst später eingemischt. Zu einer Zeit, als der ruhelose Jeremy mal wieder auf neuen Pfaden unterwegs war und mich zurückließ, wie einen abgegriffenen Teddy. Du warst mir reif und aufregend unnahbar vorgekommen. Verführerisch üppig und für einen heimatlosen zwanzigjährigen Burschen, der ich damals war, die Gelegenheit, mit einer Hure ins Bett zu gehen und in den Armen einer Mutter aufzuwachen. Nachdem ich mich für gutes Geld lange Zeit nur auf deinen Mann konzentriert hatte, warst du am besagten Tag bei mir im Zimmer aufgetaucht, die Beiläufigkeit nur gespielt, als würdest du nach irgendetwas suchen, nach einem Buch oder einer Schachtel Zigaretten. In Wahrheit wolltest du mich prüfen. Du warst so erotisch, dass ich einfach nicht die Augen von dir lassen konnte und in jeder Bewegung etwas Besonderes zu entdecken glaubte. Früher hatte ich immer davon geträumt, mit meiner Deutschlehrerin zu schlafen. Nun schenkte mir das Schicksal ein reales Remake dieser Vorstellung. Und vom pickligen Nebendarsteller, der einst irgendwo im Schatten selbstbewusst grinsender Sieger zu verdorren drohte, hatte ich endlich zum Hauptdarsteller aufsteigen dürfen, zum Hauptdarsteller in meinem eigenen Leben.


… die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch / eBook
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