Susanne Weinhart: Dîner Sole


Dîner Sole

© Susanne Weinhart

Zwischen Vanessas Sätzen „Ich werde nie heiraten“ und „Ich werde Nils heiraten“ lagen drei ölfressende Winter, eine seltsame Bundestagswahl, eine morbide, 289-seitige Doktorarbeit über die Figur des Arztes in Thomas Manns Romanen und der schleichende Tod meiner Großmutter. Ich weiß noch, wie Vanessa dalag, als sie den einen, den ersten Satz sagte, sie lag auf meinem Bett, da ihr Bett schon abgebaut war, die langen blonden Haare wie ein Strahlenkranz bei Marienbildern um sich ausgebreitet, ihr weites grünes Kleid hing zu Boden, überall standen die Schranktüren offen, als ob sie nach uns schnappen würden, und sie beobachtete mich, am offenen Fenster stehend, nach ihren Eltern Ausschau haltend.

„Erinnerst Du mich daran, wenn ich jemand heiraten will, irgendwann?“

„Wie kommst Du jetzt darauf?“

„Nur so.“

„Vielleicht willst Du dann daran nicht erinnert werden.“

Sie betrachtete ihre kleinen Füße, umkniff mit ihren Zehen ein braunes Sofakissen und ließ es auf ihren Bauch fallen. „Und wenn doch?“

Ich hörte ein scharrendes Geräusch an der Tür, ging durch den zugestapelten Flur und öffnete nervös, es war ihr Vater und ihr Bruder, die grußlos nach Vanessas Koffer griffen und sie das lange Treppenhaus herunterwuchteten. Ich war unhöflich und hätte sie am liebsten gehindert, die Koffer und das Bett wegzutragen, Vanessa nach vier Jahren von mir wegzutragen. Vanessa selbst war ins Bad gerannt und kämmte sich wild die Haare mit meiner Bürste, schrie auf, stürzte in die Küche und schrieb auf ein Stück buntes Blümchenküchenpapier, das sie regelmäßig im Drogeriemarkt um die Ecke gekauft hatte, ihre neue Telefonnummer in Berchtesgaden, dahinter: (Vanessa!), küsste mich mit großen Klaus-Kinski-Augen und polterte türknallend aus der Wohnung. Bis bald, Liebe!, schallte es noch zu mir hinauf.

Ich stand mitten in der zerwühlten Wohnung, hörte das Geschrei ihres Bruders, dann das wegfahrende Auto, ging in ihr leeres Zimmer, strich über die scheppernden Plastikkleiderbügel im Schrank, betrat das Bad, in dem sie einige ihrer unzähligen bunten Anti-Bindestrich-Tiegelchen stehengelassen hatte, die lineallangen Haare in der Bürste. Schließlich wählte ich tranceartig ihre Küchenrollennummer, ließ es einige Male läuten, und speicherte die Zahlenfolge im Telefon. Gebraucht hatte ich sie selten, Vanessa war diejenige, die regelmäßig anrief, sie hatte einen Terminkalender, in dem sie mit rotem Stift alle getätigten Anrufe mit Datum vermerkte. Ein Grund, warum ich ihre Nummer immer noch nicht kannte, als ich den Satz „Ich werde Nils heiraten“ auf dem Anrufbeantworter hörte. Ich hörte ihn mir achtmal an, an verschiedenen Orten der Wohnung. Doch nie wurde aus „Nils“ nie.

*

Vanessa hielt einen Vortrag im NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg, exakt 1000 Meter ü. NN, als ich in Berchtesgaden mit dem Zug ankam. Sie arbeitete dort als eine Art Führerin oder wissenschaftliche Assistentin, ich schlich, müde nach der umständlichen Fahrt, mit Bus und Taxi und wieder Bus, mit meinem Koffer in den überheizten, abgedunkelten Raum, in dem es nach Plastik und Putzmittel roch, und sah sie während einer Filmvorführung seitlich auf einer Bühne stehen. Hakenkreuze huschten wild über ihr ebenmäßiges Profil, ihr Gesicht wurde abwechselnd in flimmerndes, mit Wochenschaufanfaren unterlegtes Weiß, Rot und Schwarz getaucht. Die Nazis in Schneewittchenfarben, dachte ich. In dem Saal saßen wenig Zuschauer, vorwiegend männliche Senioren, für die das alles, dem vorherrschenden Gesichtsausdruck nach, alter, guidoknoppartiger Schnee war. Ich setzte mich in die letzte Reihe und sah Hitler mit Göhring, Göbbels, Bormann und Speer rechts über Vanessa spazieren, sie grüßten gestenreich und übereifrig, pilotierten den Führer, standen schwärmerisch vor ionisch-dorischen Gipsmodellen und schließlich schulterklopfend am Balkon des Berghofs, Hitler streckte seinen rechten Arm aus, deutete mit dem Zeigefinger herrisch in die Bergtiara, sein spitzer Zeigefinger zielte plötzlich genau auf Vanessa. Sie trat instinktiv einen Schritt zurück und stand in der Dunkelheit. Der Film war zu Ende, doch das letzte Bild war zum Standbild eingefroren, der tötende Zeigefinger über dem ab 1937 hermetisch abgeschlossenem Gebiet, dem heimlichen Regierungssitz, ragte immer noch in Richtung Rednerpult, als wollte er Vanessa aufspießen wie einen seltenen Schmetterling.

„Am 25.04.1945 wurde schließlich ein Großteil der Bauwerke am Obersalzberg zerstört“, schloss Vanessa und wollte das Licht anmachen, als ein junger Mann aufschrie.

„HALT! Ist das der Watzmann dahinten?“

„Nein, der Jenner.“

„Das ist doch der Watzmann! Verarschen Sie uns doch nicht, Fräulein!“

Zustimmendes Brummen der älteren Männer. Was wusste so ein 28-jähriges blondes Ding schon von Berghof und Jenner. Da kannte man(n) sich schon besser aus.

Vanessa knipste blendendes Halogenlicht an und schaute gekränkt in die Runde, dass sich jetzt nach ihrer NS-Präsentation jemand für Berge interessieren konnte! „Folgen Sie mir bitte, wir gehen jetzt durch den lichtdurchfluteten Verbindungstunnel zu den Bunkeranlagen“, flüsterte sie. Sie hielt die Tür auf, bis die ersten Besucher mit hochgezogenen Augenbrauen süffisant ihrem Ersuchen nachkamen, sah mit ihren großen runden Kinderaugen nach dem jungen Mann, entdeckte mich, als ich auf sie zukam (sie trug aus Eitelkeit keine Brille) und lächelte, erfreut und erschrocken. „Da bist Du ja“, sagte sie schnell und umarmte mich so vorsichtig, als wäre ich eine der umherstehenden Litfasssäulen aus Pappe mit Eva-Braun-im-Dirndl-Schnappschüssen. „Tut mir leid, dass ich noch nicht fertig bin. Die Leute…“ Sie verstummte, weil ein paar Besucher dreist neben ihr stehenblieben und zuhörten „Dass wir uns gerade am Obersalzberg wiedersehen müssen“, grinste ich, hilflos ob all der Rempler ihrer nun in die Bunker preschenden Besuchergruppenellbogen und ihrer nervösen Unsicherheit. „Ja -„, sie stockte, sah demonstrativ auf ihre zierliche Armbanduhr, so übertrieben, wie es Kinder, Komiker und Fernsehkommissare tun, „am besten, wir treffen uns in einer Stunde im Kehlsteinhaus zur Brotzeit“, und eilte winkend in die Tiefe. „Den Weg findest Du leicht! Ich freu mich schon!“ Ihre Stimme klang ab „Du“ dumpf, wie aus dem Kohlekeller.

„Du ersparst mir den Bunker?“, rief ich ihr nach.

Ich bekam keine Antwort mehr. Nur der spitze Zeigefinger Hitlers zeigte nun auf mich, als ich allein vor der Bühne stand, verschwitzt, mit schwerem Koffer und noch schwereren Beinen. Zorn stieg in mir hoch. „Zeig Du nur“, murmelte ich und zog den Stecker des Videobeamers aus der Dose. Panik stieg in mir hoch, als ich aus dem verhängten Saal polterte.

Aus den Bunkern hörte ich es lachen.

*

Auf der fast sieben Kilometer langen, in die Felsen gebauten Straße zwischen Obersalzberg und Kehlstein wurden Spezialbusse eingesetzt, man stieg am Kehlstein aus, ging gute hundert Meter in den Berg hinein und fuhr mit einem messingverkleideten Aufzug direkt in das innere Kehlsteinhaus.

Die vollständige Geschichte finden Sie hier → Susanne Weinhart: Dîner Sole

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Der Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

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