Susanne Weinhart: Vermächtnisse


Vermächtnisse

© Susanne Weinhart

Der Mann, der vergewaltigt wurde
Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi.

Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für vier Personen. Der Tod hatte die Familie gestreift, besucht, hatte mitgenommen. Wieder etwas für seine calciumreiche Trophäensammlung. Mein Vater schaltete nervös das Radio an. Aus. An. Aus. An. Was hatten die auszackenden, sinusförmigen Kurven des Displays zu sagen, in nekrologischer Hinsicht? Viel. Nichts. Vor allem Yeah-Yeah-Yeah. Ich hatte Schwierigkeiten, an den Großvater zu denken. Der Stadionlärm fehlte, seine akustische Hängematte, das alte Radio in der Küche, das noch mit dicken Batterien lief und gebirgsbachartig rauschte. Davor war er bei meinen letzten spärlichen Besuchen immer gesessen, meistens waren es knarzige Cassettenaufnahmen von „Heute im Stadion“, ich betrat das gelbe, niedrige Zimmer und wurde mit einem „Pssscht“ begrüßt und einem herrischen Kopfnicken, das besagte: Sofort hinsetzen und wontorragenaue Spielanalyse. Lass die Eckfahnen flattern. Dann saßen wir zwei da, während die Eltern mit der Großmutter in Richtung Steinerne Brücke spazieren gingen, mit anderen Worten: vor der Versteinerung in die Versteinerung flohen. Großvater drehte wild an der Antenne herum, schrie gegen den tor-tor-toaaarrr-schreienden Gebirgsbach an und sprach jedem Spieler des FC Bayern nach ein paar bebenden Sekunden die Bundesligareife ab. So etwas wie ein guter Spieler existierte nicht mehr. Als das Spiel vorbeigerauscht war, haute der Großvater auf das scheinbar geschrumpfte Radio und grummelte in seinen getigerten Jesusbart hinein.

„So wird das nie was“, meinte er ingrimmig.

„Aber das Spiel war doch von 1997“, entgegnete ich.

„Egal – so wird das nie was. Dortmund ist denen auf den Fersen.“

„Nicht diese Saison.“

„Egal – denk an Dortmund. So wird das nie was.“

Dortmund war für meinen Großvater das, was Carthago für den alten Cato war, der seine Reden im Senat mit einem „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendete. Dortmund war der Feind, der jederzeit in einer dunklen Ruhrpott-Ecke lauerte, um über den FC Bayern im Hunnenritt herzufallen und deswegen dringend auf 40 Punkte Abstand gehalten werden musste. Am besten wäre natürlich Exil gewesen, sprich: 2. Bundesliga, persönliches Utopia. Der gelb-schwarze Mund aus „Dort-Mund“ war zu groß, zu gefräßig. Der BVB-Gewinn der Champions League 1997 klumpte sich in Großvaters gebeutelter Gefühlswelt zu Black Friday, Waterloo und Untergang der Titanic in einem zusammen. Ich glaube, getröstet hat ihn damals nur die Tatsache, dass Ottmar Hitzfeld danach als Trainer bei Bayern München anheuerte. Davon versprach er sich einiges, um den „Mund“ des „Kohlekumpelvereins“ zu stopfen.

Furchtbare Tiefs fielen nach jedem Spiel, unabhängig vom Ausgang, über den Großvater her, und ich war jedes Mal erleichtert, wenn meine Eltern nebst Großmutter zurückkamen und das zähe Gespräch in Richtung fleischiges Abendessen und Sabine Christiansens „Lattenzaunbeine“ lenkten. Lattenzaunbeine, ein Wort, das ich nur in der Von-der-Tann-Straße hörte, danach nie mehr.

„Da seid ihr ja wieder, wie Falschgeld“, hieß er sie willkommen und schaute drei Minuten grübelnd in den sperrangelweit aufgerissenen Kühlschrank, bis ihn die Großmutter an seinem rot-blauen Deutscher-Meister-FCB-Schal wegzerrte, bevor er mit den in Hamsterkäufen erworbenen eingeschweißten Goudaecken jonglieren konnte, was er in fußballerischer, tranceartiger Erregung gerne tat: „Abmarsch!“

Der Abschied fiel unwirsch und grummelig aus und in den im Flur zu wabern beginnenden Küchendunst hinein, meine Eltern waren beide berufstätig und drängten zur Heimfahrt, was mein Großvater jedes Mal persönlich nahm, sodass er beide ab den ersten Aufbruchssignalen komplett ignorierte und mich für alle Zeiten verdorben sah. Zumal mein Vater schüchterner Fan von 1860 München war, ein Verräter in der eigenen Familie. Er könnte den genetischen Defekt weitergeben – out of Regensburg.

„Nimm das mit Dortmund nicht auf die leichte Schulter, Mädchen“, riet er mir dann bitter, „die kommen aus dem Nichts.“ Ich musste damals manchmal ziemlich dumm geschaut haben. Vorsichtig blickte ich nach allen Seiten, was da alles aus dem Nichts käme. Dortmund – das war die Allmetapher für die Dinge im Leben, die am Tor vorbeiliefen.

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Dr. Ronald Henss Verlag

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