Patricia Koelle: Himmelssprünge


Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Himmelssprünge

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneAls Lore Habermann vom Briefträger erfuhr, dass Frank Thiessen von nebenan 500 Euro im Preisausschreiben der Zeitung gewonnen hatte, freute sie sich ehrlich für ihn. Vielleicht würde das Bewegung in sein Leben bringen.
Er könnte sein verkommenes Haus damit streichen. Seit er es von seinen Eltern geerbt hatte, hatte es keine Farbe gesehen und war so grau wie sein Bewohner. Das Grau ging Lore auf die Nerven. Er könnte einen Rasenmäher kaufen oder das vergessene Auto im Vorgarten verschrotten.
Es war sonst nichts gegen ihn einzuwenden. Jeden Tag ging er pünktlich in die nahe Drogerie und verkaufte mit freundlichem Blick Sonnencreme und Taschentücher. Einladungen zum Grillen oder Skat wies er zurück, aber stets höflich.
Ein Lächeln schien er nicht zu besitzen.
An milden Tagen saß er auf der Stufe vor seiner Tür und las. Wo der Rest seines Lebens blieb, wusste niemand. Und für Lore, die seit dem Auszug ihrer Kinder ein waches Auge auf die Nachbarschaft hatte, gab es nichts zu sehen. Eine ganze Himmelsrichtung – vollkommen verschwendet.
Sie machte ihm keine Vorwürfe. Schon seine Eltern waren verschuldet gewesen. Doch seinetwegen blieb eine kleine Traurigkeit in ihr, die sich so wenig verscheuchen ließ wie eine hungrige Wespe.
Der Gewinn schien bei Frank Thiessen zunächst nichts zu bewirken. Lore fragte sich, ob er wohl für einen mütterlichen Rat offen wäre, und musste von ihrem Robert daran erinnert werden, dass mindestens achtunddreißig Apfelernten vergangen waren, seit Frank Thiessen ein stiller Junge mit Kniestrümpfen und braunem Lederranzen gewesen war. Lore musste zugeben, dass er inzwischen nicht nur etwa unbeholfene eins achtundneunzig groß, sondern auch erwachsen war.
Dann kam der Donnerstag, der Lores Aussicht nach Westen völlig veränderte. Sie kam nach Hause und sah, wie ein Lastwagen aus der Einfahrt des Nachbarhauses bog. Ob sich der Junge eine Waschmaschine geleistet hatte? Die Chancen standen schlecht, dass sie es jemals in Erfahrung bringen würde.
Oben sah sie aus dem Fenster und erstarrte. Es war Anfang Oktober und der Tag hatte einen solchen Biss, dass sie Handschuhe angezogen hatte. Nun vergaß sie, den zweiten wieder auszuziehen.
In der verdorrten Wildnis nebenan, die einmal ein Garten gewesen war, in dem ein Junge Murmelbahnen baute, stand ein Karton, groß wie Lores Schlafzimmer.
Als Lore abends vom Canasta zurückkehrte, lehnten die Reste neben Frank Thiessens Mülltonne. „Familientrampolin“, las sie, „Durchmesser 4,30 m, Höhe 87 cm, 96 Federn.“
Sie war außer Atem, als sie sich aus ihrem Fenster lehnte. Das runde schwarze Gebilde, das das Nachbargrundstück füllte, wirkte in der nebligen Dämmerung wie ein Teich. Wäre da nicht die Silhouette Frank Thiessens gewesen, der zwischen seinem Splitter Erde und dem silbernen Herbsthimmel wortlos auf und ab sprang, immer höher.
Er sprang noch, als Lore ins Bett ging. Sie konnte es am Quietschen der Federn hören.
Vier Wochen lang füllte Bewegung Lores Fenster. Frank Thiessen frühstückte im Schneidersitz auf dem Trampolin und sprang dann, bis er zur Arbeit ging. Punkt 16.15 war er zurück auf dem Trampolin. Er aß darauf, las darauf und schlief darauf mit einer Wolldecke, den Blick auf den zunehmenden Mond gerichtet.
Dazwischen sprang er, und wenn es hell genug war, konnte man sein Lächeln sehen.
Lore schämte sich nicht, gelegentlich ihr Fernglas zu benutzen. Sie schwor, so ein Lächeln habe sie ihr Leben lang nie im Gesicht eines Menschen gesehen.

Wie diese Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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