Gertrud Scherf: Kurschatten


Kurschatten

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten23. Februar
Endlich angekommen. Das Zimmer ist groß und hell, bei schönem Wetter werde ich nachmittags auf dem Balkon in der Sonne sitzen und in den Park schauen.
Die Autobahn, die Landstraße, die Suche nach dem Kurhotel, die Gepäckschlepperei und das Zurechtfinden im Haus haben mich über die Maßen angestrengt. Ja doch, ich bin erschöpft, sonst wäre ich nicht hier. In den drei Wochen werde ich mich erholen – und eine Entscheidung treffen.

25. Februar
Gestern Vormittag war ich bei der Kurärztin, die mir Anwendungen für eine Woche aufgeschrieben hat, nicht zu viele auf meinen Wunsch hin. Der Knieguss und das Melissenbad waren angenehm, angenehmer noch die zwei Spaziergänge in die Umgebung des Ortes.
Ich habe es geschafft, um einen Einzeltisch im Speisesaal zu bitten. Offenbar ist man hier solche Wünsche nicht gewohnt, noch heißt man sie gut – aber jedenfalls sitze ich allein.

02. März
Seit Tagen Nebel. Er stört mich kaum, denn in ihm sind wenige Spaziergänger unterwegs. Heute Nachmittag bin ich am Bach entlang gewandert, die Haselkätzchen in der Hecke sind aufgeblüht, die Schlehen haben dicke Knospen. Auf dem Heimweg ging ich im dichter gewordenen Nebel dahin und es dämmerte bereits ein wenig. Aus dem nahen Wald rief ein Rabe. Gesehen habe ich ihn nicht, und ich vermute, dass ich mich getäuscht habe. Wie sollte es hier im Hügelland Raben geben.
Als ich den Eingangsbereich des Hotels betrat, sah ich Frau Schneider hinter dem Rezeptionstisch stehen und mich missbilligend anschauen, so wie sie es vor über dreißig Jahren in der Schule getan hatte. Wie damals wandte ich rasch den Blick ab und als ich wieder hinschaute, war es nicht Frau Schneider, sondern eine der Empfangsdamen.

03. März
An meinem Katzentisch gefällt es mir – ich kann die anderen Gäste beobachten und fühle mich nicht gefordert. Heute erschreckte mich allerdings eine Dame vom Nachbartisch. Sie sprach mich von hinten an, stellte sich als Frau Ackermann vor und fragte, ob ich nicht an ihren Tisch kommen wolle. Sie sitzt dort mit einem älteren Ehepaar. Ich bedankte mich höflich, sagte, dass ich gerne allein sitze, weil ich viel Ruhe brauche. Sie schien ein wenig gekränkt, aber ich war mit mir zufrieden.

04. März
Unverhofft zog sich am frühen Nachmittag der Nebel zurück. Nach dem großen vormittäglichen Spaziergang ging ich nur bis zur Kurpromenade und setzte mich dort auf einen Stuhl. Es waren wenige Leute unterwegs, da die meisten Kurenden noch beim Essen, bei Anwendungen oder beim Mittagsschlaf waren. Bald fühlte ich mich in der wärmenden Sonne seltsam ruhig und dösig. Langsam bewegten sich dunkle kahle Zweige vor mir auf dem hellen Pflaster. Ich schreckte auf, als dahinschießende Schatten die Projektionsfläche durchquerten und gleich wieder verschwunden waren. Tiefes Krächzen erklärte das nur einen Moment lang Gesehene.
Ich fröstelte, die Sonne war verschwunden, Nebel senkte sich zwischen die Häuser. Aus einer Seitengasse trat mir Onkel Franz entgegen. Ich hatte gehofft, ihn nie mehr zu sehen, nie mehr seine freundliche Stimme zu hören, mit der er Sätze sagte, die mich bloßstellten und verletzten. Er ist seit 10 Jahren tot. Ich schaute ihm ins Gesicht – der Mann ähnelte ihm kaum, ich lächelte, und er lächelte zurück.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Der Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

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