Gertrud Scherf: Familienbild

Familienbild

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenAm Morgen nach dem Umzug saß ich beim Frühstück in der Küche. Um mich herum standen und stapelten sich Kartons mit Kochutensilien, Geschirr, Besteck und den vielen Kleinigkeiten, von denen ich erst beim Einpacken wieder erfahren hatte, dass ich sie besaß. Ich schaute aus dem Fenster hin über die Kleinstadtdächer; in der Nacht waren sie weiß geworden. Eine Gruppe von Tauben landete mit lautem Geschrei auf dem nahen Giebel. Vermutlich würden sie bald versuchen, auf meinem Balkon Nester zu bauen. Von unten drang Straßenlärm herauf, und ich wünschte mich zurück in die alte Wohnung, wo ich von meinem Platz am Esstisch in hohe Bäume schaute.
Das Foto hatte ich zuoberst in eine Schachtel mit anderen Bildern gelegt. Nun holte ich es vorsichtig aus der Verpackung und legte es vor mich auf den Tisch. Leider war ich offenbar doch nicht sorgfältig genug gewesen, denn das Glas war gebrochen und der Pappendeckel auf der Rückseite eingedrückt. Ich würde mich gleich morgen oder besser noch heute Nachmittag darum kümmern, damit das Bild bald wieder unversehrt wäre.
Alle fünf, die um den Tisch saßen, hatten lachende Gesichter und selbst der Hund im Vordergrund schien zu lachen. Das Bild wollte ich auch diesmal wieder so hängen, dass ich es von meinem Platz am Esstisch anschauen konnte. Es würde mir, wie in den vorherigen Wohnungen, Mut und Zuversicht vermitteln.
In den Gelben Seiten fand ich zwei Glasereien. Ich nahm den Stadtplan und machte mich auf die Suche. Am Gebäude der ersten Firma informierte ein Schild, dass der Betrieb aufgegeben sei. Aber die zweite Glaserei existierte, und der alte Mann, der mich nach meinem Anliegen gefragt hatte, stellte die Neuverglasung des Bildes für den nächsten Vormittag in Aussicht. Offenbar war ihm aber meine Enttäuschung nicht entgangen, denn er sagte: „Also gut, ich mache es gleich. Kommen Sie in einer halben oder dreiviertel Stunde wieder. Vielleicht haben Sie noch ein paar Besorgungen zu machen.“
Erleichtert dankte ich und bat, möglichst entspiegeltes Glas zu verwenden, denn schon öfters hatten mich die Spiegelungen gestört.
Der Marktplatz zeigte beeindruckende Fassaden, aber an zu vielen Häusern gaben Tafeln bekannt, dass Laden- oder Geschäftsräume in diesem Haus zu vermieten seien. Ich ging an den Schaufenstern der Kettenläden entlang, fand nur einen Billig-Lebensmittelmarkt und kaufte dort lustlos für mein Abendessen ein. Als ich die Glaserei betrat, lag mein Bild fertig gerahmt auf dem Arbeitstisch. Der Glaser packte es sorgfältig ein, und ich eilte durch den vorfrühlingshaft hellen Spätnachmittag zurück in die Wohnung.
Als ich mich zum Abendessen setzte, hing das Bild schräg gegenüber neben dem Fenster. Ich aß Nudeln mit wässerigen Gelben Rüben und faden Champignons, trank ein Glas Rotwein und betrachtete wieder einmal die heitere Szene.
Lag es am entspiegelten Glas oder an der neuen Beleuchtung? Neben dem Gartentisch, am rechten Bildrand, war ein Schatten. Ich stand auf, ging von vorn ganz nah an das Bild heran, dann einen Schritt nach links, einen nach rechts. Der Schatten blieb. Vielleicht war durch das Herausnehmen aus dem alten und das Einfügen in den neuen Rahmen Schmutz oder Feuchtigkeit aufs Foto gelangt. Ich hängte das Bild ab und betrachtete es unter starkem Lampenlicht erneut. Das Papier schien sauber und unversehrt, aber der Schatten blieb. Es sah aus, als hätte eine Person, die selbst nicht im Bild war, aber ihren Schatten warf, rechts von der Gruppe gestanden. Ich hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit Einräumen der Küchenschränke und des Bücherregals. Ich wollte die letzten Urlaubstage nutzen, denn sobald ich die Stelle im Krankenhaus angetreten hätte, würde ich von den neuen Aufgaben sicher zunächst so beansprucht, dass für anderes nicht mehr viel Zeit und Kraft blieben.
Erst am Abend betrachtete ich wieder das Bild. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass das ältere der beiden Mädchen dick war. Übergewicht war damals bei Kindern und Jugendlichen noch längst nicht so häufig wie jetzt. Das Mädchen hat ein großes Stück Kuchen vor sich auf dem Teller und ist dabei, sich wieder einen Brocken in den Mund zu schieben.
Ich nahm meinen noch halb vollen Teller mit Hirse und Gemüse, stellte ihn neben der Spüle ab, holte die Zeitung und setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa.
Während des Frühstücks am nächsten Morgen legte ich zwei Listen an: eine mit Erledigungen für den Tag und eine mit Besorgungen. Ich verbrachte die nächsten Stunden mit Einkäufen, nahm mir aber zwischendurch Zeit, die Kirche und das Schloss anzuschauen. Es war ein sonniger, aber kühler Tag, unter den mächtigen Bäumen im Schlosspark blühten Schneeglöckchen und Krokus. Ganz unerwartet fand ich einen Naturkostladen mit einem verlockenden Lebensmittelangebot. Ehe ich nach Hause zurückkehrte, schaute ich in das Schaufenster eines kleinen Modegeschäfts, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Das dunkelblaue Kleid gefiel mir. Ich trage kaum Kleider, aber bei der einen oder anderen Gelegenheit könnte ich es vielleicht anziehen. Größe 36 müsste wohl passen. Wenn es nächste Woche noch da ist, so beschloss ich, gehe ich rein und probiere es an.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Manfred Schröder: Nachtgeflüster

Nachtgeflüster

© Manfred Schröder

Die Nacht ist schwarz, wie die Kutte von Pater Dominicus, der auf den Knien liegend, im Schweiße seines Angesichtes, mit dem Teufel ringt, und zu Gott fleht, dass der sündige Kelch an ihm vorüber gehen möge. Der sündige Kelch ist dunkelhaarig und steht meist mit lächelndem Mund und Bein unterm Schein der Laterne im Park. Er hört den Teufel lachen und Gott fällt mit ein und der gequälte Priester fährt hoch aus schrecklichem Traum.

Ja, die Nacht ist schwarz und die Schiffe haben Fernweh und atmen unruhig am Kai. Eine Stimme mit Rum veredelt, singt zum Schifferklavier das Lied von Madagaskar und der Pest an Bord. Wolken treiben im kalten Nachtwind nach Osten, wo ein ferner Morgen am Horizont sich entfaltet. Nur ab und zu blinkt ein Stern hervor; immer bereit, den Seeleuten den Weg übers Meer zu zeigen. Doch was da gluckst und gegen die Schiffswand schlägt, ist nicht die weite See, sondern das trübe Wasser des Flusses. Kaschemmen und Kneipen, Orte des Frohsinns und der „Sünde“, schließen ihre Pforten. Aus einer tritt der Herr Pfarrer, protestantisch und luthergewaltig mit hochgeschlagenem Kragen und scheuem Blick. Und der Herr Studienrat, Freigeist der Stadt, Spötter und Nachtschwärmer, grinst und summt:

Es ging eine Biba Kirchenmann
ums Freudenhaus herum.
Da sah ihn eine fromme Schwester
und er stellte sich ganz dumm.
Als ein Hirt‘ für alle Schafe sei er hier zur Abendstund‘.
Um auch deren Seelen zu retten;
dies sei der wahre Grund.

Da lächelte die fromme Schwester,
um Augen und um Mund.
Auch sie sei eine arme Seele;
so einsam und so wund.
Er schaute fromm und grinste fein;
das sei doch zu versteh’n.
Sie könne doch, wenn sie nur möcht‘,
mit ihm nach Hause geh’n!

Derweil irrt ein Trinker durch enge Gassen und ruft vergeblich nach seinem Feinsliebchen. Die Flasche in seiner Hand gähnt Leere bis zum Grund. Noch stehen Nixen am Ufer und singen verführerisch, wie einst an der Loreley und winken einladend mit ihren Flossen. Dann naht so mancher Freier, wie einst der Schiffer im Kahn. Und nicht selten sieht man am anderen Morgen eine Leiche, die im Wasser treibt. Hin und wieder begegnen sich Dieb und Katze auf den Dächern und in engen Hinterhöfen und erweisen sich gegenseitig ihre Reverenz. Im Park, unter einer Laterne feilschen der brave Bürger und die Dirne um den Preis. Die Polizei indessen fährt zufrieden ihre Runden, denn es herrscht Ruhe in der Stadt. Die Nacht ist wie jede andere. Auch heute wird ein Kind geboren und die Heiligen Drei Könige sind Wesen in weißen Kitteln. Und Engel singen leise im Radio von Liebe, die nie vergeht.

Die Häuser liegen jetzt still und geduckt wie schlafende Hunde. Für viele ist das Bett zu groß und sie wälzen sich einsam von einer Seite zur anderen. Junge Mädchen träumen ihren hundertjährigen Schlaf und warten auf den Prinzen. Doch nicht alle ruhen in ihrer Kammer. Krankenschwester, Polizei und andere nützliche Wesen haben wie der Dieb, den Tag zur Nacht gemacht und eilen geschäftig hin und her. Auch der Nachtwächter, der noch nie einen Tag gearbeitet hat, dreht getreu und gewissenhaft seine Runden. Nachtwächter haben viel gesehen und gehört. Und wenn sie sich still verhalten, dann leben sie länger. Als er wieder an der Laterne vorbeikommt, sind der brave Bürger und die Dirne schon verschwunden. Auf einer Bank sitzen vermummte Gestalten und die Flasche kreist von Hand zu Hand. Der junge Dichter in seinem Kämmerlein, blickt mit zerkautem Stift auf ein höhnisch grinsendes Blatt weißem Papier und kämpft mit Sein, oder Nichtsein. Es klopft an der Türe und als er sie öffnet, steht der sündige Kelch, als Muse vor ihm und winkt mit einer Flasche Wein.

Aus einer Seitengasse eilt der Dieb und schaut sich vorsichtig nach allen Seiten um. Er ist müde nach harter Arbeit; doch zufrieden und mit einem schweren Sack beladen. Und leise singt er vor sich hin:

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne,
den Polizisten hab ich gerne!

Die Katze liegt auf dem Dach und träumt von großen und kleinen Fischen. Der Schiffsjunge, voller Sehnsucht nach unbekannten Ländern, öffnet verschlafen seine Augen und blickt auf die Uhr. Er seufzt und mit einem leisen Fluch erhebt er sich, denn der Kapitän und der Matrose dürfen noch weiterschlafen. Beide wünscht er samt Schiff zum Teufel und wird doch, wonach er sich sehnt, in ihre Fußstapfen treten.

Bald klappert und scheppert es in den Straßen und engen Gassen. Die Hügel von Sand und Kohle stoßen ab vom Kai und die Schiffssirenen wünschen sich gegenseitig eine frohe Fahrt. Im Morgenlicht erheben sich die Häuser und öffnen ihre Augen für einen neuen Tag. Bäcker und Metzger grüßen einander über die Gasse hinweg. Pater Dominicus lobpreist Gott und lässt die Glocken läuten. Und wer in der Nacht artig in seinem Bett gelegen hat, darf zur Belohnung schon früh zur Arbeit gehen.

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Sandra Henke: Inzwischen da

Inzwischen da

© Sandra Henke

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. SchlüsselerlebnisseDazwischen. Zwischen den Stühlen. Ja, da sitze ich. Um wenigstens mit einer Pobacke sesshaft zu sein, fahre ich nach Bitterfeld, um bald darauf nach Bruchsal zurückzukehren, denn Micha ist nicht gerne allein. Er braucht mich, meine vermeintliche Stärke. Und ich brauche es, gebraucht zu werden, aber eben auch schwach sein zu dürfen und Bitterfelder Luft zu atmen. Bei Achim schöpfe ich Kraft, bin ganz Frau. Doch welche Frau möchte schon die ganze Zeit an der Leine laufen?

„Ob der Zug mein wahres Zuhause ist?“, frage ich mich und wische mit der Handfläche über die Fensterscheibe. Sinnlos. Das Glas ist nicht nur von innen beschlagen, sondern auch von außen befroren. Ich sehe nicht klarer. Selbst mein Spiegelbild in der Scheibe ist verzerrt. Ob ich eine neue Brille brauche?

„Sie fahren sicher zu Ihrem Freund?“ Die ältere Dame, die mir gegenübersitzt, lächelt wissend und tätschelt mir die Hand. „Sie haben sich so schick gemacht.“

Das habe ich. Achim mag es, wenn ich hohe Lederstiefel und dunkelroten Lippenstift trage. Micha dagegen liebt mich am meisten in meinem verwaschenen Pyjama. Ich muss lachen. Eigentlich „liebt“ er mich gar nicht, denn körperliche Ausschweifungen findet er oberflächlich.

„Ja, ich fahre zu meinem Freund“, sage ich und denke: „… und habe auch meinen Freund zurückgelassen.“

Es ist ja nicht so, als ob ich eine Affäre hätte. Nicht einmal von Vielkerlerei halte ich etwas. Ich wünsche mir nur einen Partner, für den ich alles bin, bei dem ich alles sein kann und der alles für mich ist, alles bei mir sein kann. Utopie, oder nicht? Ich schlucke schwer.

Plötzlich ruckelt der Wagon gewaltig. Die Brille fällt mir von der Nase und die alte Dame sitzt nicht mehr auf ihrem Platz. Sie liegt zwischen den Sitzen. Für einen Moment finde ich, dass sie wie ich aussieht. Erst als der Zug endlich zum Stehen kommt, setze ich meine Gläser wieder auf und kann der Dame aufhelfen.

Dann ertönt eine Durchsage: „An alle Fahrgäste des ICE, wir haben vereiste Oberleitungen. Es wird einige Zeit dauern, dieses Problem zu beheben. Daher bitten wir Sie, hier, im Bahnhof von Fulda, auszusteigen. Wegen der Anschlusszüge beachten Sie bitte die Lautsprecheransagen …“

„Vielleicht ist der ICE zu schnell für mich“, schimpfe ich verzweifelt. „Ja, was soll ich denn jetzt machen?“

Die alte Frau reicht mir ein Taschentuch. Bevor ich sagen kann, dass mir die Nase gar nicht läuft, meint sie: „Für Ihre Brille. Ich brauche jetzt erst einmal einen starken Kaffee, um zu mir selbst zu kommen.“

Ratlos steige ich aus. Eiskalter Wind weht mir ums Gesicht. Ich friere schrecklich. Zudem beschlagen meine Brillengläser. Sie vertragen keinen Frost, genauso wie ich. Ich kann einfach nicht alleine sein. Ich poliere sie mit dem Tuch und kann endlich klar sehen. Ja, tatsächlich! Mit einem Mal frage ich mich, was zwischen Bruchsal und Bitterfeld liegt. Einsamkeit, zumindest für mich, zumindest bisher. Wie blind ich war!

Ich beschließe, mir ein Zimmer zu mieten und Fulda anzuschauen, in Ruhe, alleine. Vielleicht gefällt mir, was ich sehe. Vielleicht mag ich das Dazwischen; vielleicht sogar weitaus mehr als Anfang und Ende der Strecke, die immer gleichzeitig Ende und Anfang für mich waren. Ja, mag sein, dass ich im Dazwischen sogar mehr finden werde als Bruchsal und Bitterfeld mir zusammen bieten. Mag sein, dass ich alles finde; dass ich hier alles sein kann und Fulda alles für mich sein wird.

Ich atme tief die frische Luft ein, verabschiede mich von „meinem“ Zug und denke: „Ich muss Achim und Micha anrufen. Ich werde ihnen sagen: Hallo, ich bin inzwischen da – bei mir.“

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Buchtipp – Lesetipp – Buchempfehlung
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Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Schlüsselerlebnisse
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
ISBN 978-3-9809336-6-7

Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen von Situationen, in denen die Welt in einem anderen Licht erschien.

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Karin Reddemann: Der Eisbär

Der Eisbär

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeMein Onkel Vicente, den wir Winni nannten, um seinen Namen nicht zu verhunzen, liebte keine Frauen. Männer wohl auch nicht. Er war unser Onkel Winni, der keinen brauchte. Ein sexuelles Neutrum. Dachte ich. Wie das Seepferdchen, das sich selbst genügt. Tatsächlich hat er sein Leben gelebt, um für uns da zu sein. Für die billig beschmierten Frühstücksstullen seiner Stiefmutter Oma Gerda Nord hat er auf süße Küsse verzichtet. Jetzt ist er tot. In seinem Grab liegt der Eisbär aus Plüsch, den er mir versprochen hatte. Hab ihn da hinein geschmissen, trotzig, starr, weil ich nicht flennen wollte, obwohl mir da was im Hals steckte, das mein Hirn fressen wollte. Der Pfarrer guckte böse, vielleicht war er aber auch nur angerührt von einer Stimmung, die er nicht kannte. Von einem warmen Gefühl, das Frühling verspricht und in den Lenden eines Abgestorbenen nicht mehr existieren darf. Hermi Weißmüller, die Winni nach dem Tod von Oma Nord immer ein frisch belegtes Brötchen auf die Fußmatte gelegt hat, immer im Papiertütchen, weil sie Plastik hasste, hat bitterlich geweint. Pfarrer Hansen dachte vielleicht, sie sei seine heimliche Geliebte gewesen. Und ich, die mit dem Eisbären, noch eine dazu. Eine frische mit echten Zähnen. Alter Schlawiner. Pfarrer Hansen heulte zur Sonne, wie sie das machen, wenn sie müssen. Ich musste nicht, dachte an mein Versprechen, mit ihm nach Amerika zu fliegen, da wollte er hin. Sprach kein Wort Englisch, war aber der Beste im Kreuzworträtseln. Kannte alle Politiker beim Vornamen, kaufte mir mein erstes Gold, das um meinen Hals hing und dort immer noch hängt, obwohl das Schwere, Auffällige es bescheiden macht, das Mode wurde. Ich bettelte ihm meinen Käfer ab, der grün mit dicken Angeberreifen war, schwor ihm, zu dolmetschen wie der Teufel, wenn wir erst einmal da sind, irgendwo auf dem Highway, wo wir Sommer atmen können. Hat Winni die Jahreszeiten wittern können? Vicente Enrique Llano-Garcia, das schmilzt auf Zungen, die kühl und nordisch sind. Er klang so verheißungsvoll, er war schön. Ist abe nie dem Ruf der Wildnis gefolgt. War unser zweiter Vater, hat meiner Mutter die Wange gestreichelt, wenn sie allein war und gegen den Wind anschrie. Seiner Schwester. Vielleicht hat er sich sein Glück gesucht, geholt, irgendwo in schmuddeligen Hinterzimmern, wo Liebe versprochen wird. Schäme mich dafür, daran zu denken, wie er sich Sex besorgt hat. Denke, auch er hat nachts das Verlangen gespürt. Nachts, wenn der Kopf herumspukt und nach unserer Lust greift wie ein Alptraum mit langen Krallen, der sich festbeißt in uns, bis wir vor Wonne glänzen und schreien. Schwitzen im banalen Strahl einer Taschenlampe. Bis wir merken: Das ist gar kein Horror, der da lacht, wenn wir brüllen und es herrlich finden.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
ISBN 978-3-9809336-3-6

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Patricia Koelle: Himmelssprünge

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Himmelssprünge

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneAls Lore Habermann vom Briefträger erfuhr, dass Frank Thiessen von nebenan 500 Euro im Preisausschreiben der Zeitung gewonnen hatte, freute sie sich ehrlich für ihn. Vielleicht würde das Bewegung in sein Leben bringen.
Er könnte sein verkommenes Haus damit streichen. Seit er es von seinen Eltern geerbt hatte, hatte es keine Farbe gesehen und war so grau wie sein Bewohner. Das Grau ging Lore auf die Nerven. Er könnte einen Rasenmäher kaufen oder das vergessene Auto im Vorgarten verschrotten.
Es war sonst nichts gegen ihn einzuwenden. Jeden Tag ging er pünktlich in die nahe Drogerie und verkaufte mit freundlichem Blick Sonnencreme und Taschentücher. Einladungen zum Grillen oder Skat wies er zurück, aber stets höflich.
Ein Lächeln schien er nicht zu besitzen.
An milden Tagen saß er auf der Stufe vor seiner Tür und las. Wo der Rest seines Lebens blieb, wusste niemand. Und für Lore, die seit dem Auszug ihrer Kinder ein waches Auge auf die Nachbarschaft hatte, gab es nichts zu sehen. Eine ganze Himmelsrichtung – vollkommen verschwendet.
Sie machte ihm keine Vorwürfe. Schon seine Eltern waren verschuldet gewesen. Doch seinetwegen blieb eine kleine Traurigkeit in ihr, die sich so wenig verscheuchen ließ wie eine hungrige Wespe.
Der Gewinn schien bei Frank Thiessen zunächst nichts zu bewirken. Lore fragte sich, ob er wohl für einen mütterlichen Rat offen wäre, und musste von ihrem Robert daran erinnert werden, dass mindestens achtunddreißig Apfelernten vergangen waren, seit Frank Thiessen ein stiller Junge mit Kniestrümpfen und braunem Lederranzen gewesen war. Lore musste zugeben, dass er inzwischen nicht nur etwa unbeholfene eins achtundneunzig groß, sondern auch erwachsen war.
Dann kam der Donnerstag, der Lores Aussicht nach Westen völlig veränderte. Sie kam nach Hause und sah, wie ein Lastwagen aus der Einfahrt des Nachbarhauses bog. Ob sich der Junge eine Waschmaschine geleistet hatte? Die Chancen standen schlecht, dass sie es jemals in Erfahrung bringen würde.
Oben sah sie aus dem Fenster und erstarrte. Es war Anfang Oktober und der Tag hatte einen solchen Biss, dass sie Handschuhe angezogen hatte. Nun vergaß sie, den zweiten wieder auszuziehen.
In der verdorrten Wildnis nebenan, die einmal ein Garten gewesen war, in dem ein Junge Murmelbahnen baute, stand ein Karton, groß wie Lores Schlafzimmer.
Als Lore abends vom Canasta zurückkehrte, lehnten die Reste neben Frank Thiessens Mülltonne. „Familientrampolin“, las sie, „Durchmesser 4,30 m, Höhe 87 cm, 96 Federn.“
Sie war außer Atem, als sie sich aus ihrem Fenster lehnte. Das runde schwarze Gebilde, das das Nachbargrundstück füllte, wirkte in der nebligen Dämmerung wie ein Teich. Wäre da nicht die Silhouette Frank Thiessens gewesen, der zwischen seinem Splitter Erde und dem silbernen Herbsthimmel wortlos auf und ab sprang, immer höher.
Er sprang noch, als Lore ins Bett ging. Sie konnte es am Quietschen der Federn hören.
Vier Wochen lang füllte Bewegung Lores Fenster. Frank Thiessen frühstückte im Schneidersitz auf dem Trampolin und sprang dann, bis er zur Arbeit ging. Punkt 16.15 war er zurück auf dem Trampolin. Er aß darauf, las darauf und schlief darauf mit einer Wolldecke, den Blick auf den zunehmenden Mond gerichtet.
Dazwischen sprang er, und wenn es hell genug war, konnte man sein Lächeln sehen.
Lore schämte sich nicht, gelegentlich ihr Fernglas zu benutzen. Sie schwor, so ein Lächeln habe sie ihr Leben lang nie im Gesicht eines Menschen gesehen.

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Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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Susanne Weinhart: Schlitten, geschlitterte

Schlitten, geschlitterte

© Susanne Weinhart

Es hätte anders laufen können. Rasanter, geschmeidiger, sanfter, seliger. Die Gelegenheit war günstig, das Lametta aufgehängt. Doch die Kufen waren nicht gewachst, die Steine nicht aus dem Weg geräumt und graue Schneemänner säumten den Weg, lenkten mich ab und zeigten grinsend in Schluchten. Gegen graue Schneemänner ist kein Kraut gewachsen (eine graue Schneefrau fiel mir erst zuhause ein).
Mit jedem aufsteigenden Schritt rieselte zuckriger Pulverschnee in unsere klammen Siebenbergestiefel, die Schlitten : anstupsende Krokodile, die gegen Fers‘ und Stein rumpelten. Simon, rot-daunig, rief in die eiskalte Nacht hinaus: „der EU-Gipfel in Nizza!“. Politik am Stil nannte ich das, er gab mir – hüstelnd – Recht und ein gut durchdachtes Salamibrot.
Es gibt nichts Schöneres, als bei 1400 Meter über Null und 15 Grad unter Null in Jacques Chiracs Agrarpolitik zu schwelgen. Das war mir klar.
Gerade an Heiligabend hat das seine Reize.
Fäustlinge anziehen, echoten unsere Fingerspitzen. Fäustlinge anziehen.
Unter uns Unterammergau, weihnachtlich illuminiert, wir blieben stehen, hielten uns an der Hand und meinten, aus der Dorfkapelle einen Knabenchor zu hören, Schneepolster hingen wie bauchige Notenschlüssel in den schwarzen Tannen. Ich schluckte, Tee und den christbaumkugelgroßen Weihnachtskloß im Hals. Sprechen – unmöglich.
Norwegerpulliwarme Gedanken legten sich auf den mütterlichen Lichterteppich und versanken geborgen wie niedergebrannte Dochte im Wachs.
Weitergehen, pochten unsere Eiszehen. Weitergehen.
Dann lange Zeit nur Wald, der Weg so breit wie eine Fahrstraße. Keine Fußspuren. Kein Mensch. Waren wir denn noch Menschen? Ja, wir redeten über Politik, alles in Ordnung also. Genauer: Simon redete, ich keuchte zweifelnd und hielt mehr Ausschau nach der Pürschlingshütte als dem „Haus Europa“, das Simon als bebende Fata Morgana in großen Atemwolken aushauchte. Die genannten Politikernamen, durchwegs männlich und ohne großen geistigen Aufwand mit Finanzdelikten und Vakuumreden in Verbindung zu bringen, machten selbst die weißesten Schneekristalle brüsselgrau.
Wir kamen als schwitzendes, knirschendes Gespann (auf den Schlitten schienen ein paar politisch interessierte Waldkobolde Platz genommen zu haben, sie wurden immer schwerer und störrischer: „Du ziehst bestimmt Hans-Kobold Eichel …“) an einer winzigen, verschlossenen Marienkapelle vorbei, an deren makelloser Fassade ein fast leerer Meisenknödel baumelte. „Was ist das denn?“, fragte Simon sogleich enthusiastisch(Berliner Wissenschaftler aus Überzeugung). „Futter für deine Polit-Meise“, sagte ich und tippte ihm liebevoll gegen die Stirn. Drei rote, vor der Madonna aufgebahrte Grablichter züngelten hektisch und hatten Löcher in den Schnee gefressen. Die Hütte in Reichweite, in Schneeballweite. Ein Seufzer war erlaubt. Der Zenit war erklommen und – Weitergehen, pochten unsere Wangen. Weitergehen.
Jeder hatte seinen Schlitten, auch das konnte zu denken geben. Aber an einem Dezemberabend auf dem Berg zur heute-journal-Zeit denkt man generell nicht mehr viel, oder man denkt wie Simon an Chancen und Risiken der internationalen Politik unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der EU oder wie ich an ausgepresste Orangen und explodierte Geschenke, klopft sich den hartnäckigen Schnee von den Hosenbeinen und wünscht blaulippig Hals- und Beinbruch. Runter kommen sie alle, und lenken muss man allein. Und noch mal den Schal lassolässig um den Hals geworfen, bevor die Tiefe die Kufen zu fressen beginnt.
„Dann geht’s bergab!“
Wir saßen auf unseren Schlitten, noch zügellos. Die erste Kurve fletschte schon perlweiße Zähne und tote Wurzeln, sauberer 45°-Winkel …
Ich sah ihn prüfend an.
„Solange du das nicht metaphorisch meinst …“, lachte Simon und warf mir einen Schneeball gegen den Rucksack.
„Dein Schlitten heißt Devil’s Dance, das gibt zu denken …“
„Keine Sorge, so höllisch wird’s schon nicht werden. Also los?“
„Also los.“
Los/Schicksal. 6 aus 49.
Eine Tippgemeinschaft rast dem Tal zu.
Am Parkplatz im Tal stiegen wir in zwei Autos und fuhren nach Hause, er nach Berlin, ich nach München. Simons Schlitten war bei 900 Höhenmetern an einer gefällten Lerche in drei Teile zersprungen, den Rest trabten wir mit hochgeschlagenen Krägen zu Fuß ins Tal. Es sah aus, als kämen wir vom Gaißacher Hornschlittenrennen oder vom Holzklauen. Oder als würde Simon ein Geweih aus dem roten Daunenbauch wachsen. Aber niemand sah uns, und wir sahen uns auch nicht.
Ein Ros‘ war in diesen Breiten nicht entsprungen. Der grüne Daumen trug Fleecefäustlinge.
Der Schnee war erst im Auto geschmolzen, das Eis tat es gar nicht.
Und das Lächeln war unterwegs ausgerutscht.
Weiterfahren, klopften meine Finger. Weiterfahren.
Nach Bethlehem ist es noch so weit.

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
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Gertrud Scherf: Kurschatten

Kurschatten

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten23. Februar
Endlich angekommen. Das Zimmer ist groß und hell, bei schönem Wetter werde ich nachmittags auf dem Balkon in der Sonne sitzen und in den Park schauen.
Die Autobahn, die Landstraße, die Suche nach dem Kurhotel, die Gepäckschlepperei und das Zurechtfinden im Haus haben mich über die Maßen angestrengt. Ja doch, ich bin erschöpft, sonst wäre ich nicht hier. In den drei Wochen werde ich mich erholen – und eine Entscheidung treffen.

25. Februar
Gestern Vormittag war ich bei der Kurärztin, die mir Anwendungen für eine Woche aufgeschrieben hat, nicht zu viele auf meinen Wunsch hin. Der Knieguss und das Melissenbad waren angenehm, angenehmer noch die zwei Spaziergänge in die Umgebung des Ortes.
Ich habe es geschafft, um einen Einzeltisch im Speisesaal zu bitten. Offenbar ist man hier solche Wünsche nicht gewohnt, noch heißt man sie gut – aber jedenfalls sitze ich allein.

02. März
Seit Tagen Nebel. Er stört mich kaum, denn in ihm sind wenige Spaziergänger unterwegs. Heute Nachmittag bin ich am Bach entlang gewandert, die Haselkätzchen in der Hecke sind aufgeblüht, die Schlehen haben dicke Knospen. Auf dem Heimweg ging ich im dichter gewordenen Nebel dahin und es dämmerte bereits ein wenig. Aus dem nahen Wald rief ein Rabe. Gesehen habe ich ihn nicht, und ich vermute, dass ich mich getäuscht habe. Wie sollte es hier im Hügelland Raben geben.
Als ich den Eingangsbereich des Hotels betrat, sah ich Frau Schneider hinter dem Rezeptionstisch stehen und mich missbilligend anschauen, so wie sie es vor über dreißig Jahren in der Schule getan hatte. Wie damals wandte ich rasch den Blick ab und als ich wieder hinschaute, war es nicht Frau Schneider, sondern eine der Empfangsdamen.

03. März
An meinem Katzentisch gefällt es mir – ich kann die anderen Gäste beobachten und fühle mich nicht gefordert. Heute erschreckte mich allerdings eine Dame vom Nachbartisch. Sie sprach mich von hinten an, stellte sich als Frau Ackermann vor und fragte, ob ich nicht an ihren Tisch kommen wolle. Sie sitzt dort mit einem älteren Ehepaar. Ich bedankte mich höflich, sagte, dass ich gerne allein sitze, weil ich viel Ruhe brauche. Sie schien ein wenig gekränkt, aber ich war mit mir zufrieden.

04. März
Unverhofft zog sich am frühen Nachmittag der Nebel zurück. Nach dem großen vormittäglichen Spaziergang ging ich nur bis zur Kurpromenade und setzte mich dort auf einen Stuhl. Es waren wenige Leute unterwegs, da die meisten Kurenden noch beim Essen, bei Anwendungen oder beim Mittagsschlaf waren. Bald fühlte ich mich in der wärmenden Sonne seltsam ruhig und dösig. Langsam bewegten sich dunkle kahle Zweige vor mir auf dem hellen Pflaster. Ich schreckte auf, als dahinschießende Schatten die Projektionsfläche durchquerten und gleich wieder verschwunden waren. Tiefes Krächzen erklärte das nur einen Moment lang Gesehene.
Ich fröstelte, die Sonne war verschwunden, Nebel senkte sich zwischen die Häuser. Aus einer Seitengasse trat mir Onkel Franz entgegen. Ich hatte gehofft, ihn nie mehr zu sehen, nie mehr seine freundliche Stimme zu hören, mit der er Sätze sagte, die mich bloßstellten und verletzten. Er ist seit 10 Jahren tot. Ich schaute ihm ins Gesicht – der Mann ähnelte ihm kaum, ich lächelte, und er lächelte zurück.

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Gertrud Scherf
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Mysteriöse Geschichten
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Susanne Weinhart: Vermächtnisse

Vermächtnisse

© Susanne Weinhart

Der Mann, der vergewaltigt wurde
Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi.

Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für vier Personen. Der Tod hatte die Familie gestreift, besucht, hatte mitgenommen. Wieder etwas für seine calciumreiche Trophäensammlung. Mein Vater schaltete nervös das Radio an. Aus. An. Aus. An. Was hatten die auszackenden, sinusförmigen Kurven des Displays zu sagen, in nekrologischer Hinsicht? Viel. Nichts. Vor allem Yeah-Yeah-Yeah. Ich hatte Schwierigkeiten, an den Großvater zu denken. Der Stadionlärm fehlte, seine akustische Hängematte, das alte Radio in der Küche, das noch mit dicken Batterien lief und gebirgsbachartig rauschte. Davor war er bei meinen letzten spärlichen Besuchen immer gesessen, meistens waren es knarzige Cassettenaufnahmen von „Heute im Stadion“, ich betrat das gelbe, niedrige Zimmer und wurde mit einem „Pssscht“ begrüßt und einem herrischen Kopfnicken, das besagte: Sofort hinsetzen und wontorragenaue Spielanalyse. Lass die Eckfahnen flattern. Dann saßen wir zwei da, während die Eltern mit der Großmutter in Richtung Steinerne Brücke spazieren gingen, mit anderen Worten: vor der Versteinerung in die Versteinerung flohen. Großvater drehte wild an der Antenne herum, schrie gegen den tor-tor-toaaarrr-schreienden Gebirgsbach an und sprach jedem Spieler des FC Bayern nach ein paar bebenden Sekunden die Bundesligareife ab. So etwas wie ein guter Spieler existierte nicht mehr. Als das Spiel vorbeigerauscht war, haute der Großvater auf das scheinbar geschrumpfte Radio und grummelte in seinen getigerten Jesusbart hinein.

„So wird das nie was“, meinte er ingrimmig.

„Aber das Spiel war doch von 1997“, entgegnete ich.

„Egal – so wird das nie was. Dortmund ist denen auf den Fersen.“

„Nicht diese Saison.“

„Egal – denk an Dortmund. So wird das nie was.“

Dortmund war für meinen Großvater das, was Carthago für den alten Cato war, der seine Reden im Senat mit einem „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendete. Dortmund war der Feind, der jederzeit in einer dunklen Ruhrpott-Ecke lauerte, um über den FC Bayern im Hunnenritt herzufallen und deswegen dringend auf 40 Punkte Abstand gehalten werden musste. Am besten wäre natürlich Exil gewesen, sprich: 2. Bundesliga, persönliches Utopia. Der gelb-schwarze Mund aus „Dort-Mund“ war zu groß, zu gefräßig. Der BVB-Gewinn der Champions League 1997 klumpte sich in Großvaters gebeutelter Gefühlswelt zu Black Friday, Waterloo und Untergang der Titanic in einem zusammen. Ich glaube, getröstet hat ihn damals nur die Tatsache, dass Ottmar Hitzfeld danach als Trainer bei Bayern München anheuerte. Davon versprach er sich einiges, um den „Mund“ des „Kohlekumpelvereins“ zu stopfen.

Furchtbare Tiefs fielen nach jedem Spiel, unabhängig vom Ausgang, über den Großvater her, und ich war jedes Mal erleichtert, wenn meine Eltern nebst Großmutter zurückkamen und das zähe Gespräch in Richtung fleischiges Abendessen und Sabine Christiansens „Lattenzaunbeine“ lenkten. Lattenzaunbeine, ein Wort, das ich nur in der Von-der-Tann-Straße hörte, danach nie mehr.

„Da seid ihr ja wieder, wie Falschgeld“, hieß er sie willkommen und schaute drei Minuten grübelnd in den sperrangelweit aufgerissenen Kühlschrank, bis ihn die Großmutter an seinem rot-blauen Deutscher-Meister-FCB-Schal wegzerrte, bevor er mit den in Hamsterkäufen erworbenen eingeschweißten Goudaecken jonglieren konnte, was er in fußballerischer, tranceartiger Erregung gerne tat: „Abmarsch!“

Der Abschied fiel unwirsch und grummelig aus und in den im Flur zu wabern beginnenden Küchendunst hinein, meine Eltern waren beide berufstätig und drängten zur Heimfahrt, was mein Großvater jedes Mal persönlich nahm, sodass er beide ab den ersten Aufbruchssignalen komplett ignorierte und mich für alle Zeiten verdorben sah. Zumal mein Vater schüchterner Fan von 1860 München war, ein Verräter in der eigenen Familie. Er könnte den genetischen Defekt weitergeben – out of Regensburg.

„Nimm das mit Dortmund nicht auf die leichte Schulter, Mädchen“, riet er mir dann bitter, „die kommen aus dem Nichts.“ Ich musste damals manchmal ziemlich dumm geschaut haben. Vorsichtig blickte ich nach allen Seiten, was da alles aus dem Nichts käme. Dortmund – das war die Allmetapher für die Dinge im Leben, die am Tor vorbeiliefen.

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten
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Susanne Weinhart: Dîner Sole

Dîner Sole

© Susanne Weinhart

Zwischen Vanessas Sätzen „Ich werde nie heiraten“ und „Ich werde Nils heiraten“ lagen drei ölfressende Winter, eine seltsame Bundestagswahl, eine morbide, 289-seitige Doktorarbeit über die Figur des Arztes in Thomas Manns Romanen und der schleichende Tod meiner Großmutter. Ich weiß noch, wie Vanessa dalag, als sie den einen, den ersten Satz sagte, sie lag auf meinem Bett, da ihr Bett schon abgebaut war, die langen blonden Haare wie ein Strahlenkranz bei Marienbildern um sich ausgebreitet, ihr weites grünes Kleid hing zu Boden, überall standen die Schranktüren offen, als ob sie nach uns schnappen würden, und sie beobachtete mich, am offenen Fenster stehend, nach ihren Eltern Ausschau haltend.

„Erinnerst Du mich daran, wenn ich jemand heiraten will, irgendwann?“

„Wie kommst Du jetzt darauf?“

„Nur so.“

„Vielleicht willst Du dann daran nicht erinnert werden.“

Sie betrachtete ihre kleinen Füße, umkniff mit ihren Zehen ein braunes Sofakissen und ließ es auf ihren Bauch fallen. „Und wenn doch?“

Ich hörte ein scharrendes Geräusch an der Tür, ging durch den zugestapelten Flur und öffnete nervös, es war ihr Vater und ihr Bruder, die grußlos nach Vanessas Koffer griffen und sie das lange Treppenhaus herunterwuchteten. Ich war unhöflich und hätte sie am liebsten gehindert, die Koffer und das Bett wegzutragen, Vanessa nach vier Jahren von mir wegzutragen. Vanessa selbst war ins Bad gerannt und kämmte sich wild die Haare mit meiner Bürste, schrie auf, stürzte in die Küche und schrieb auf ein Stück buntes Blümchenküchenpapier, das sie regelmäßig im Drogeriemarkt um die Ecke gekauft hatte, ihre neue Telefonnummer in Berchtesgaden, dahinter: (Vanessa!), küsste mich mit großen Klaus-Kinski-Augen und polterte türknallend aus der Wohnung. Bis bald, Liebe!, schallte es noch zu mir hinauf.

Ich stand mitten in der zerwühlten Wohnung, hörte das Geschrei ihres Bruders, dann das wegfahrende Auto, ging in ihr leeres Zimmer, strich über die scheppernden Plastikkleiderbügel im Schrank, betrat das Bad, in dem sie einige ihrer unzähligen bunten Anti-Bindestrich-Tiegelchen stehengelassen hatte, die lineallangen Haare in der Bürste. Schließlich wählte ich tranceartig ihre Küchenrollennummer, ließ es einige Male läuten, und speicherte die Zahlenfolge im Telefon. Gebraucht hatte ich sie selten, Vanessa war diejenige, die regelmäßig anrief, sie hatte einen Terminkalender, in dem sie mit rotem Stift alle getätigten Anrufe mit Datum vermerkte. Ein Grund, warum ich ihre Nummer immer noch nicht kannte, als ich den Satz „Ich werde Nils heiraten“ auf dem Anrufbeantworter hörte. Ich hörte ihn mir achtmal an, an verschiedenen Orten der Wohnung. Doch nie wurde aus „Nils“ nie.

*

Vanessa hielt einen Vortrag im NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg, exakt 1000 Meter ü. NN, als ich in Berchtesgaden mit dem Zug ankam. Sie arbeitete dort als eine Art Führerin oder wissenschaftliche Assistentin, ich schlich, müde nach der umständlichen Fahrt, mit Bus und Taxi und wieder Bus, mit meinem Koffer in den überheizten, abgedunkelten Raum, in dem es nach Plastik und Putzmittel roch, und sah sie während einer Filmvorführung seitlich auf einer Bühne stehen. Hakenkreuze huschten wild über ihr ebenmäßiges Profil, ihr Gesicht wurde abwechselnd in flimmerndes, mit Wochenschaufanfaren unterlegtes Weiß, Rot und Schwarz getaucht. Die Nazis in Schneewittchenfarben, dachte ich. In dem Saal saßen wenig Zuschauer, vorwiegend männliche Senioren, für die das alles, dem vorherrschenden Gesichtsausdruck nach, alter, guidoknoppartiger Schnee war. Ich setzte mich in die letzte Reihe und sah Hitler mit Göhring, Göbbels, Bormann und Speer rechts über Vanessa spazieren, sie grüßten gestenreich und übereifrig, pilotierten den Führer, standen schwärmerisch vor ionisch-dorischen Gipsmodellen und schließlich schulterklopfend am Balkon des Berghofs, Hitler streckte seinen rechten Arm aus, deutete mit dem Zeigefinger herrisch in die Bergtiara, sein spitzer Zeigefinger zielte plötzlich genau auf Vanessa. Sie trat instinktiv einen Schritt zurück und stand in der Dunkelheit. Der Film war zu Ende, doch das letzte Bild war zum Standbild eingefroren, der tötende Zeigefinger über dem ab 1937 hermetisch abgeschlossenem Gebiet, dem heimlichen Regierungssitz, ragte immer noch in Richtung Rednerpult, als wollte er Vanessa aufspießen wie einen seltenen Schmetterling.

„Am 25.04.1945 wurde schließlich ein Großteil der Bauwerke am Obersalzberg zerstört“, schloss Vanessa und wollte das Licht anmachen, als ein junger Mann aufschrie.

„HALT! Ist das der Watzmann dahinten?“

„Nein, der Jenner.“

„Das ist doch der Watzmann! Verarschen Sie uns doch nicht, Fräulein!“

Zustimmendes Brummen der älteren Männer. Was wusste so ein 28-jähriges blondes Ding schon von Berghof und Jenner. Da kannte man(n) sich schon besser aus.

Vanessa knipste blendendes Halogenlicht an und schaute gekränkt in die Runde, dass sich jetzt nach ihrer NS-Präsentation jemand für Berge interessieren konnte! „Folgen Sie mir bitte, wir gehen jetzt durch den lichtdurchfluteten Verbindungstunnel zu den Bunkeranlagen“, flüsterte sie. Sie hielt die Tür auf, bis die ersten Besucher mit hochgezogenen Augenbrauen süffisant ihrem Ersuchen nachkamen, sah mit ihren großen runden Kinderaugen nach dem jungen Mann, entdeckte mich, als ich auf sie zukam (sie trug aus Eitelkeit keine Brille) und lächelte, erfreut und erschrocken. „Da bist Du ja“, sagte sie schnell und umarmte mich so vorsichtig, als wäre ich eine der umherstehenden Litfasssäulen aus Pappe mit Eva-Braun-im-Dirndl-Schnappschüssen. „Tut mir leid, dass ich noch nicht fertig bin. Die Leute…“ Sie verstummte, weil ein paar Besucher dreist neben ihr stehenblieben und zuhörten „Dass wir uns gerade am Obersalzberg wiedersehen müssen“, grinste ich, hilflos ob all der Rempler ihrer nun in die Bunker preschenden Besuchergruppenellbogen und ihrer nervösen Unsicherheit. „Ja -„, sie stockte, sah demonstrativ auf ihre zierliche Armbanduhr, so übertrieben, wie es Kinder, Komiker und Fernsehkommissare tun, „am besten, wir treffen uns in einer Stunde im Kehlsteinhaus zur Brotzeit“, und eilte winkend in die Tiefe. „Den Weg findest Du leicht! Ich freu mich schon!“ Ihre Stimme klang ab „Du“ dumpf, wie aus dem Kohlekeller.

„Du ersparst mir den Bunker?“, rief ich ihr nach.

Ich bekam keine Antwort mehr. Nur der spitze Zeigefinger Hitlers zeigte nun auf mich, als ich allein vor der Bühne stand, verschwitzt, mit schwerem Koffer und noch schwereren Beinen. Zorn stieg in mir hoch. „Zeig Du nur“, murmelte ich und zog den Stecker des Videobeamers aus der Dose. Panik stieg in mir hoch, als ich aus dem verhängten Saal polterte.

Aus den Bunkern hörte ich es lachen.

*

Auf der fast sieben Kilometer langen, in die Felsen gebauten Straße zwischen Obersalzberg und Kehlstein wurden Spezialbusse eingesetzt, man stieg am Kehlstein aus, ging gute hundert Meter in den Berg hinein und fuhr mit einem messingverkleideten Aufzug direkt in das innere Kehlsteinhaus.

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Maike Grau: Ein Termin mit Frau Marwitz

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Ein Termin mit Frau Marwitz

© Maike Grau

Abenteuer im Frisiersalon

Warum ich Friseurin geworden bin? Ja, es heißt Friseurin, nicht Frisöse. Das klingt abfällig. Das müssten Sie doch langsam wissen. Ganz einfach. Ich liebe meinen Beruf. Ich arbeite gern mit Menschen. Denn mein Frisiersalon ist ein Ort der Verwandlung. Mich suchen Frauen auf, die das Beste aus ihrem Typ machen wollen, die eine aufregende Verabredung haben, die kurz vor der Heirat ihrer Tochter stehen, die einen Geschäftstermin vor sich haben. Natürlich hauptsächlich auch solche, die einfach nur etwas für ihr Äußeres tun wollen. Aber ein bisschen Verwandlung ist immer dabei.

Leider verwandele ich meist andere, und ich selber bleibe die, die ich bin. Meine Haare sind fein und ungemein stachelig, so dass ich sie nicht vernünftig wachsen lassen kann; ich trage sie auf eine burschikos-kurze Art, die wenig zu meinem Typ passt. Ich weiß, es passt wirklich nicht zu mir. Mein Haar ist schuld.

Nur einmal hätte ich fast auch mein eigenes Leben verändert, nach einer merkwürdigen Begegnung. Es ist ärgerlich, daran zu denken, wie nahe ich dran war. Nur ein Detail hat mich dann aufgehalten.

Es muss Anfang April letzten Jahres gewesen sein, als die erwähnte Begegnung hier in meinem Frisiersalon stattfand. An diesem Tag war ich allein im Laden. Meine Kollegin und angebliche Freundin Petra hatte sich, wie so oft am Freitag, krank gemeldet, wegen eines „Infekts“. Der Infekt hieß Markus und war ein pickeliger Typ, der sich als Freiberufler häufig den Freitag frei nehmen konnte. Petras Schwindelei ärgerte mich heute besonders, denn ich hatte trotz mauer Finanzsituation eine Flasche Sekt gekauft, um mit ihr auf unsere einjährige Zusammenarbeit anzustoßen, so schwierig sie sich auch bisher gestaltet hatte.

Die Ladenglocke klingelte energisch und schreckte mich aus trüben Gedanken auf. Durch die kurzfristige Absage von Frau Busemann war eine halbe Stunde Leerlauf entstanden, die ich mit einer abgestandenen Cola Light und einer zurückgelassenen Frauenzeitschrift im Hinterzimmer verbracht hatte.

Ein Blick auf die Uhr: Viertel vor vier. Die nächste Kundin war erst für sechzehn Uhr eingetragen, aber gut, wenn sie früher da war, kam mir das heute sehr gelegen.

Mit hochgezogenen Mundwinkeln betrat ich den Ladenraum. Eine gut gekleidete Dame in mittleren Jahren stand mitten im Raum und schaute sich um. Sie trug eine beigefarbene Cashmere-Jacke und eine lange Perlenkette. Erlesener Parfümduft umwehte sie. Ich musterte die wehende Löwenmähne aus dunkelblondem Haar. Kein langweiliges, stumpfes und aschfarbenes Blond wie die Farbe meiner eigenen Haare, sondern ein seidiges, golddurchwirktes Dunkelblond. Hoffentlich wollte sie schneiden lassen – es juckte mich schon in den Fingern. Hoffentlich wollte sie nicht schneiden lassen – sie müsste verrückt sein, diese Pracht aufzugeben. Dichtes, langes, welliges Haar.

„Guten Tag“, sagte sie, „Ich hatte einen Termin …“

Ein Blick in den Kalender half mir weiter. „Sie müssen Frau Marwitz sein“, stellte ich fest.

Die Fremde lächelte gewinnend. „Sieht ganz so aus“, gab sie zu und faltete sorgfältig ihren Regenschirm zusammen.

„Regnet es?“, staunte ich, „Heute morgen war der Himmel noch so klar …“

„Aprilwetter“, lachte sie, „Aber mich legt man nicht so schnell herein.“

Frau Marwitz hatte eine weinrote Einkaufstasche aus glänzendem Nylon neben sich abgestellt. „Benetti 1907, Roma“, las ich. Irgendwie hatte sogar ihre Einkaufstasche Stil. Ich dachte an meine Öko-Leinenbeutel mit Kleeblatt-Aufdruck.

„Könnte ich dies… für eine Weile hier stehen lassen?“, erkundigte sich Frau Marwitz, „Es sind nur ein paar Lebensmittel … Aber ich muss nachher noch bei einem Freund vorbeischauen …“

„Kein Problem, hier im Hinterzimmer gibt es noch ein Plätzchen. Vergessen Sie’s nur nicht.“

Sie winkte ab. „Notfalls hole ich sie dann morgen.“

Elegant ließ sich Frau Marwitz in einem der Sessel nieder. Eine Tasse Kaffee nahm sie gerne an, dazu ein Glas Wasser. Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel. „Lassen Sie uns gleich anfangen“, schlug sie vor und öffnete ihre Handtasche, um ihr ein Foto zu entnehmen, Größe 10×15. Es zeigte eine weizenblonde Dame mit gestuftem, dabei ziemlich kurzem Haar, etwa Mitte fünfzig, von sehr ähnlichem Typus wie die Kundin – vielleicht sogar ihre Schwester. „Diesen Haarschnitt wünsche ich mir.“

„Hübsch“, sagte ich, „Das kriege ich leicht hin. Also einmal schneiden, dazu … Strähnchen?“

„So wie hier“, nickte Frau Marwitz, „Gleicher Schnitt, gleiche Farbe.“

Ich zögerte noch. „Sind Sie sicher, dass ich … es so kurz schneiden soll? Es ist eine radikale Veränderung Ihres Typs.“

„Ich bin ganz sicher. Fangen Sie an.“

Ich nickte zufrieden und legte los. Das Plätschern von Wasser, der Duft von gutem Shampoo, das leise Schnappen der Schere – all dies hob wie immer meine Laune.

Frau Marwitz, als zusätzlicher Bonus, war durchaus unterhaltsam. Von der etwas distanzlosen Art, aber sympathisch. Als Friseurin bin ich viel zu häufig langweiligen Monologen ausgesetzt. Darum weiß man in meinem Beruf Menschen mit normalem oder überdurchschnittlichem Unterhaltungstalent zu schätzen.

Ich habe meine Kategorien. Eine „Pathologie des Redens“, sozusagen. Die meisten verbal auffälligen Leute – meist suchen mich Frauen auf – kann ich mittels ihrer Lieblingsthemen blitzschnell einordnen.

Da sind die Bekümmerten (Dünnes Haar. Tante Lottis schlimmes Bein).
Die Empörten (Sittenverlust, Teuerung und Betrug).
Die Querulantinnen (Man hat sie um ihr Recht / ihre tolle alte Frisur gebracht).
Die Clowns („Meine Haare sehen aus wie ein Mopp“).
Die Rechthaberischen (Rechtgehabthaben. Sie haben es gleich gewusst).
Die pedantischen Berichterstatterinnen („… und dann hab ich ein Naturjoghurt gegessen…“).
Die Angeberinnen (Adelige oder prominente Bekanntschaft. Teure Urlaube, Geld und Gut).
Die Hemmungslosen (schlechte Verdauung, Furunkel, Vaginalpilze).

Es gibt noch weitere. Frau Marwitz, zum Glück, war anders. Bis heute habe ich keine Kategorie für sie. Ihre Stimme raunte vertraulich und sonor, ihre Anekdoten plätscherten wohltuend an mir vorbei und hinterließen doch merkwürdig farbige Bilder vor meinem geistigen Auge, während ich Strähne für Strähne ihres gut gepflegten Haars bearbeitete.

„Ich gebe zu, es war eine Schnapsidee“, erzählte sie gerade, „Aber so kam ich zu meiner zweiten Ehe …

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Abenteuer im Frisiersalon
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Ralf Schwob: Nick

Schlüsselerlebnisse

Schlüsselerlebnisse

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Leseprobe aus dem Buch / eBook
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse


Nick
© Ralf Schwob

Jenseits der Leitplanken spottet ein Einkaufszentrum dem anderen und über den sonntäglich leeren Parkplätzen schmiegen sich die bunten Fähnchen Schutz suchend an ihre Masten. Ein wolkenschwerer Himmel über der Autobahn und leichtes Gepäck auf der Rückbank – so könnte etwas beginnen oder zu Ende gehen, denke ich auf einmal, aber angefangen hat es eigentlich schon mit Nicks Weihnachtskarte. Die Karte blieb über die Feiertage auf der Kommode im Flur liegen, und noch bevor ich mich entschließen konnte, sie zu beantworten, schickte Nick eine zweite Karte mit Neujahrswünschen. Sie habe momentan viel Zeit, schrieb sie, und seit es ihr wieder besser gehe, denke sie oft an früher, ob ich auch oft an früher denke, wollte sie wissen, denn schließlich kämen wir nun beide in das Alter, in dem man sich zu erinnern beginne, schrieb Nick, so als ob wir mit Ende dreißig bereits alte Frauen wären, die sich mit Kindheits- und Jugenderinnerungen über die beginnende Menopause hinwegtrösten müssen, und um ehrlich zu sein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung gehabt, an Nick zu denken oder mich an ihre pausbäckige Mutter und den schweigsamen Vater, der den ganzen Tag auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster sah, zu erinnern. Nein, an Nick und ihre Eltern hatte ich lange nicht mehr gedacht, auch nicht an ihre kleine Wohnung im dritten Stock, in der es immer nach Essen roch und Wäsche im Flur stand.
„Wir wohnen im dritten“, hatte Nick damals auf dem Spielplatz gesagt, „ich habe kein eigenes Zimmer, aber wir können in der Küche spielen.“ Irgendwann war ich ihrer Einladung gefolgt, und danach waren wir Freundinnen, einfach so und ohne dass wir es jemals ausgesprochen hatten. Später sahen wir uns oft wochenlang nicht mehr, bis die eine dann doch endlich wieder bei der anderen vor der Tür stand – Ach, da bist du ja wieder – und keine war enttäuscht oder gekränkt, warum auch. Wann also beginnt es, dass man an eine Freundschaft Erwartungen knüpft?
Willkommen in der südhessischen Diaspora, hier beginnt und hier endet nichts, hier muss man einfach nur durch. Ölflecken liegen wie dreckige Regenbogen auf der nassen Fahrbahn, sobald man die Autobahn verlässt, dazu Aquaplaning und Holzkreuze an jeder zweiten Kurve. „Hör mal“, werde ich sagen, „im Dunkeln finde ich hier nie wieder raus, also werde ich nicht allzu lange bleiben.“ Und dann kann ich ein bisschen von der Arbeit und natürlich auch von früher erzählen, aber wenn sie sich kurz umdreht oder auf Toilette geht, werde ich auf die Uhr schauen. Mein Gott, Nick, was erwartest du, wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen – das letzte Mal, glaube ich, auf einem furchtbar langweiligen Klassentreffen vor etlichen Jahren, du warst schwanger und dein Mann kam schon um kurz nach neun, um dich wieder abzuholen, damals haben wir jedenfalls kaum zwei Worte miteinander gewechselt, obwohl wir uns eine geschlagene Stunde gegenübersaßen.
Kinderfreundschaften sind eben Kinderfreundschaften, und irgendwann ist es dann auch gut damit, doch als Nick eine Karte nach der anderen schickte, suchte ich im Keller nach den alten Sachen und fand einen Schuhkarton voller Schnappschüsse, die aus irgendeinem Grund nie in ein Fotoalbum geklebt wurden: Nick und ich mit Eis am Stiel auf einer Treppe sitzend, dahinter die Schlaghosenbeine eines Erwachsenen im sommerlich schattigen Hausflur, genaues Datum unbekannt. Einfacher einzuordnen dagegen mein erhitztes Kindergesicht mit Piratenkopftuch und Augenklappe im Zündplättchenrauch, der Schrecken der Weltmeere, Hand in Hand mit Prinzessin Nick im weißen Kleid, ganz Tüll und Rüschen, aber natürlich auch mit einem Revolvergurt um die Taille. Im darauf folgenden Frühjahr schließlich mein zehnter Geburtstag im Garten, das Datum in Mutters Handschrift sorgfältig auf der Rückseite vermerkt. Alle Kinder lachen und halten kleine Beutel mit Süßigkeiten in den Händen, nur Nick steht etwas abseits, rotbäckig und viel zu warm angezogen für die Jahreszeit; ein paar Wochen später ist sie dann mit ihren Eltern weggezogen, keine Ahnung warum und wohin, und auch an eine Abschiedsszene unter Freundinnen kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.
Vor der Windschutzscheibe quälen sich rostbraune Äcker aus dem letzten Schneematsch und gelbe Ortsschilder schießen wie gut gemeinte Regieanweisungen aus dem Boden – rechts und links ein paar wundgefegte Bordsteine, ein abwehrendes Gasthaus, und dann wieder nur Flachland bis zur nächsten Kirchturmspitze, die ein paar Kilometer weiter aus den Feldern ragt. Ich weiß auch nicht, was in deinem Leben schief gelaufen ist, Nick, aber ich bin bestimmt nicht die richtige Person, um es wieder in Ordnung zu bringen. So werde ich reden, weil alles andere gar keinen Sinn hat. Deine Karten und Briefe habe ich jedenfalls mit unzähligen Belanglosigkeiten beantwortet, aber letzte Woche am Telefon sagte ich nichts, oder zumindest wenig genug, um nicht missverstanden zu werden, doch drei Tage später lag trotzdem wieder eine Postkarte von dir in meinem Postfach, eine Standardkarte mit vorgedruckter Frankierung, auf die weiße Rückseite hattest du mit einem ausgebluteten Kugelschreiber mehr ins Papier geritzt als geschrieben: Bitte bring mir Zigaretten mit, wenn du kommst.
Besucher bitte nur gegenüberliegende Seite. So könnte etwas beginnen: mit dem Schild auf dem Parkplatz und dem Weg zwischen den mehrstöckigen Backsteinbauten, der Parkanlage mit den geduckten Spaziergängern und dem verwaschenen Odenwald am Horizont, der rotweißen Schranke und der aufschwingenden Doppeltür und dem Pförtner, der mich hinter seiner Glasscheibe so lange ignoriert, bis ich entschieden mit den Fingern gegen sein Sprechfenster trommele.
Die Frau, die mir wenig später die Tür aufschließt, trägt wider Erwarten keinen weißen Kittel, sondern schwarze Jeans und einen hellgrauen Rollkragenpullover. Der Flur zieht sich ein bisschen und endet dann in einem fensterlosen Labyrinth aus künstlichem Licht und Türen ohne Klinke. Ich habe den Namen der Frau nicht richtig verstanden oder schon wieder vergessen, aber daran sei sie gewöhnt, sagt sie, lächelt und nimmt im Vorbeigehen einen wie zufällig herumstehenden Mann in den Arm, der den Kopf auf die Brust drückt und kleine Schritte auf der Stelle macht. „Gehen Sie bitte in Ihr Zimmer“, sagt sie, „Sie brauchen Ruhe“, und der Mann macht einen größeren Schritt und zwei kleine, aber dann kann er sich schon wieder nicht mehr erinnern, bleibt stehen und sieht uns nach, und ich wiederhole noch einmal lautlos den Satz, den ich ihr gleich zu Anfang sagen werde, der mir aber schon jetzt nicht mehr recht gelingen will, und dann öffnet die Frau eine brülldichte Tür und sagt, sie sei vorne, wenn ich sie bräuchte.
Über Tischen mit randvollen Aschenbechern tobt hinter einer Plexiglasscheibe lautlos ein Fernsehkoch, den niemand beachtet. Auch mich beachtet niemand, überhaupt scheint hier keiner den anderen kennen zu wollen. Überall nur gekrümmte Rücken und gesenkte Blicke, Brandlöcher in den Tischen und den abgewetzten Polstern, ein paar ausgetretene Kippen liegen auf dem schmutzigen Linoleum. Alle Fenster sind geschlossen, und das bei zehn, vielleicht fünfzehn Männern und Frauen im Raum, die meisten haben sich um die Rauchertische gruppiert, starren gebannt die Tischplatten an, saugen ihre Zigaretten bis auf die Filter auf, zünden sich an der Glut der letzten schon die nächste und übernächste an. Die Frau mit dem Rollkragenpullover ist vorne, hat sie gesagt, aber wo ist hier vorne und hinten, und wo verdammt noch mal ist Nick? Endlich steht jemand auf, kommt auf mich zu, gibt mir sofort die Hand und entblößt nikotingelbe Zähne. Sie legt den Kopf in den Nacken, lässt meine Hand nicht mehr los, befühlt meine Finger, knetet meinen Handrücken, sagt nichts, will aber scheinbar tanzen, kann ihre Beine nicht stillhalten, marschiert auf der Stelle, muss immerzu lächeln und nicken, bis das Lächeln nur noch eine Grimasse ist, aus der ich einen Ausweg finden muss, und dann erst sehe ich Nick, die der Frau eine Hand auf die Schulter legt und sie zurück an einen der großen Tische führt, sich schließlich mir zuwendet und mich beiläufig begrüßt, so als sähen wir uns jeden Tag.
Nicks Zimmer liegt auf einem anderen Flur, sie bietet mir den einzigen Stuhl an und setzt sich aufs Bett, sagt, dass sie immer müde sei, todmüde, und fragt, ob ich diese Müdigkeit kenne, der mit Schlaf nie ganz abzuhelfen sei.
Auf ihrem Nachttisch steht die Fotografie eines blonden Jungen, der mit einer Schultüte posiert. „Malte“, sagt Nick, „aber das Bild ist alt, er lebt seit damals bei seinem Vater und geht mittlerweile aufs Gymnasium.“

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Christian Heynk: Kaspar Hauser 2025

antastbar - Die Würde des Menschen

antastbar - Die Würde des Menschen


Leseprobe aus dem Buch / eBook
antastbar
Die Würde des Menschen …


KASPAR HAUSER 2025
© Christian Heynk

NNERSKI    Hiermit erkläre ich die Untersuchung im Zusammenhang mit dem anwesenden Professor Doktor Norzel für eröffnet. Für das Protokoll: Ziel der Kommission und seiner Mitglieder ist es festzustellen, ob Professor Doktor Norzel bei seinem sogenannten Kaspar-Hauser-Versuch gegen geltendes Recht und gegen die von dieser Kommission verbindlich festgesetzten ethischen Richtlinien in der Forschung verstoßen hat. Professor Norzel, können Sie bitte als Erstes die genauen Umstände des Versuches schildern, der Gegenstand dieser Untersuchung ist?
NORZEL (räuspert sich)    Ja. Ziel eines jeden Kaspar-Hauser-Versuches ist es, einen Menschen von Beginn an von jeglichen Umwelteinflüssen fernzuhalten. Auf diese Weise glaubt man, Aufschluss darüber zu bekommen, welche Fähigkeiten ein Mensch von Geburt an besitzt und welche Fähigkeiten im Laufe des Lebens erlernt werden. Bei unserem Versuch handelte es sich um ein Retortenbaby, das direkt nach der Geburt in einem 20m² großen Labor untergebracht wurde. Das Labor war so konzipiert, dass die Ernährung des Säuglings größtenteils durch Maschinen erfolgen konnte. Persönlicher Kontakt mit dem Säugling wurde weitestgehend vermieden, um jede menschliche Beeinflussung des Säuglings zu unterbinden. Wie gesagt, es ging uns darum, den Säugling zu isolieren.
NNERSKI    Ist Ihnen diese Isolierung vollständig gelungen?
NORZEL    Nein, nicht vollständig. Es gab zwei oder drei Situationen, in denen der Nahrungsschlauch des Säuglings neu justiert werden musste. Für diese Aufgabe hatten wir Krankenschwestern engagiert, und wir hatten ihnen vorher die strikte Anweisung gegeben, nicht zu sprechen und den Säugling auf keinen Fall zu berühren. Woran sich die Schwestern auch alle gehalten haben. Ein weiteres Problem war die Bewegung. Wir hatten ein Gerät entwickelt, mit dem die Bewegungsapparate, also Arme und Beine des Säuglings trainiert werden konnten. Ein weiteres Gerät, das beim Urinieren und Defäkieren des Säuglings zum Einsatz kam, gewährleistete die adäquate Körperhygiene. Da das Kind aber wuchs, mussten auch diese Geräte in gewissen Abständen von unseren Technikern neu justiert werden. Die Techniker hatten dieselben Anweisungen bekommen wie die Schwestern, doch in einem Fall ist es zu einer Berührung gekommen.
NNERSKI    Was heißt das genau? Eine Berührung?
NORZEL    Nun, einer der Techniker hatte die Schlaufe, in der der Fuß des Säuglings steckte, verfehlt und die Ferse des Säuglings berührt. Wir brachen den Versuch aber nicht ab, weil wir uns dennoch brauchbare Ergebnisse erhofften. Eine einzige menschliche Berührung, so glaubten wir, würde keinen großen Einfluss auf den Säugling haben, solange er die meiste Zeit über in totaler Isolation blieb.
NNERSKI    Heißt das, bis auf drei, vier kurze Ausnahmen kam das Kind, ich korrigiere, der Säugling, nie mit Menschen in Kontakt?
NORZEL    Das ist korrekt!
NNERSKI    Wie entwickelte sich der Säugling?
NORZEL    Zunächst recht gut. Über den Nahrungsschlauch bekam er Muttermilch und Hefeschleim zugeführt, die Bewegungsapparate funktionierten einwandfrei und auch das UV-Licht ersetzte das natürliche Tageslicht, dergestalt, dass keine Unterschiede zwischen der Entwicklung eines normalen Kindes und unseres Versuchsobjektes erkennbar waren. Es entwickelte Milchzähne und krabbelte ganz normal umher, wenn es von den Gerätschaften abgekoppelt war. Nur die Sprachentwicklung setzte nicht ein!
NNERSKI    Wieso nicht?
NORZEL    Nun, das war nicht anders zu erwarten. Unsere Hauptthese geht davon aus, dass die Fähigkeit zur Sprache eben nicht angeboren ist, sondern dass die Sprache hauptsächlich durch Imitation erworben wird. Ein Kind wird nur dann „Mama“ oder „Papa“ rufen können, wenn es diese Worte zuvor vernommen hat. Da das Versuchsobjekt, also der Säugling, keinem Sprachsystem ausgesetzt war, entwickelte es auch keine Sprache. Unsere Kernspinaufnahmen des Gehirns zeigen auch eine im Vergleich zu natürlich aufwachsenden Säuglingen abgeschwächte Entwicklung des Broca-Zentrums, also des Teils im Gehirn, das für die Sprachentwicklung zuständig ist. Diese Befunde zeigen im Grunde, dass der Mensch keine oder nur sehr geringe natürliche Anlagen hat, die ihm das Sprechen erlauben.
NNERSKI    Heißt das, dass das Versuchsobjekt, ich meine der Säugling, überhaupt keine akustischen Signale gesendet hat?

… die Fortsetzung dieser spannenden Debatte gibt es in dem Buch / eBook

antastbar
Die Würde des Menschen …

Hrsg. Barbara Naziri
Vorwort Rüdiger Nehberg
Dr. Ronald Henss Verlag

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Karin Reddemann: Goethe gut

Goethe gut
© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeDer Hohlkopf legt sich doch glatt mit Goethe an! Dachte Frank Stewermann und beugte seinen Oberkörper weit, ganz weit nach vorn, um Dr. Klaus-Ernst Haferkott so nah wie möglich zu sein. Er war klein und dick, streng genommen hässlich auch noch. Aber ein Krieger. Kurzfristig fiel ihm sein Zwiebelmettbrötchen ein. Das roch der Typ jetzt wohl. Geschah ihm recht. Wirkte verwirrt. Vielleicht war ihm übel.
Dr. Haferkott rückte von ihm ab, glotzte ihn aus seinen blöden blauen Augen an, räusperte sich. „Sehe da jetzt keinen Zusammenhang, Herr Stewermann. Wie kommen Sie darauf, ich hätte etwas gegen Goethe? Was hat der mit Ihrem Roman zu schaffen?“
Du Idiot. Du stinkiger Banause. Schimpfte Stewermanns Kopf sachlich. Siehst Du Flachwichser von Verleger das nicht auf einen Blick? „Hier. Lesen Sie das mal.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Textpassage, die ihm besonders wichtig war: „(…) und Willtrud schleuderte Willibald ihr wollüstiges Wünschen mit den wilden Worten entgegen: ‘Mir wird, bei aller Kritik, doch oft um Hirn und Titten bang. Egal. Nur zu. Fick mich!’“
Haferkott, der Depp, entfernte seine Brille aus seinem Gesicht und putzte sie umständlich mit dem Zipfel seiner purpurroten Strickjacke.
Selbstgestrickt, alles klar, 68er, hat’s mit dem ollen Grass, die linke Bazille. Kennt Mutter Ajas Hätschelhänschen gar nicht. Dachte Stewermann und freute sich kurz, weil er selbst so klug war und dieser Haferkott so offensichtlich doof. „Faust. Der Wagner sagt das auch. So ungefähr. Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben, doch oft um Kopf und Busen bang. Müssten Sie doch wissen.“
Haferkott winkte müde ab. Er brauchte schwarzen Kaffee und einen normalen Menschen an seiner Seite. Keifte nach Edeltraud Mührhoff im Vorzimmer, die wieder ganz und gar unmöglich angezogen war, ärgerte sich. Wieso war die nicht chic? Fette Brüste, kurzer Rock, das wär’s doch. „Nachschenken“, keifte er, dann: „Gott. Stewermann. Faust. Haben Sie da etwa geklaut oder was? Soll ich das gut finden?“
Stewermann schubbelte mit seinem Hintern auf dem Stuhl hin und her. Her und hin. Verschenkte Zeit. Kostbare Zeit. Was für eine Frage. „Nein.“ Sagte er und verschränkte die Arme vor der feinkarierten Brust. „Nicht geklaut. Sinngemäß übernommen. Zeitgemäß angepasst. Überlegen Sie doch bitte, bevor Sie sich äußern. Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, Verehrtester.“ Bah, machte sein Bauch.
Haferkott sah ihn dumpf an.
Hohe Denkerstirn, schreit nach Verstand, aber die Maske fällt, es bleibt der Mensch. Und was für ein Arschgesicht von Mensch. Rousseau. Ode à la fortune. Dachte Stewermann und sagte: „Kafka. Das mit der Ungeduld ist von Kafka.“
Haferkott schluckte schlechten Kaffee, die Mührhoff konnte was erleben, verschluckte sich, verfluchte Edeltraud, lieber noch diesen Stewermann, schwor sich erneut, ihn wegwegwegzujagen und lächelte eisig. „Wie schön. Kafka. Wen haben wir denn noch?“
Stewermann lächelte erfreut zurück. „Lessing, mein Guter. Seite dreiundsiebzig. Mittig. Haben Sie’s? Ottokar und Lissbett. Ich zitiere: Und der Mond brannte ihm sonnenklar ins Gesicht. Sie hatten gevögelt. Sie jammerte wie ein kleines Vöglein. Er schleuderte Jupiter seinen Unmut entgegen, die Nase an die Scheibe gepresst. Erwägen! Erwägen! Ich erwäge, verdammt noch mal, dass es hier nichts zu erwägen gibt. Jetzt mach’ die Beine wieder breit, Lissbett! Ich liebe Dich.“
Haferkott träumte von einer Zigarette. Wieso hatte er den ganzen Scheißladen eigentlich zur nikotinfreien Zone erklärt? Er war der Chef. Er wollte jetzt rauchen. Die Mührhoff pafft, dachte er glücklich, die soll mir eine geben. Die hat welche, die darf hier nicht, aber ich. Vorher schmeiß ich den Stewermann raus. Vorher frag’ ich ihn, welchen Therapeuten er hat. Muss ein ganz armes Schwein sein. Er zupfte an seinem grünen Manschettenknopf. Scheußlich grün. Freeeeda! Du bist meine Frau. Wer hat Dir erlaubt, mir so was zu kaufen? Wer befiehlt mir, so was zu tragen? MUSS ist ein bitter Kraut. Eine harte Nuss. Wer hat das gesagt? Haferkott war irritiert. Nietzsche? Oder Klaus-Dieter Pötter, sein zugekokster Jungautor? Konzentration, Junge. Doktor Junge. Sagte er sich streng und runzelte die Stirn. „Diese verquirlte Kacke hat Lessing nicht geschrieben.“
Stewermann grinste. Hab’ ihn! Kennt sich wohl in Weltliteratur so gar nicht aus, der promovierte Hosenscheißer. Verkennt, verurteilt mich, und hat keine Ahnung. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Nein. Zu banal. Das weiß jeder Kartoffelbauer. Grillparzer ist besser. Ein Dummkopf bleibt ein Dummkopf nur für sich in Feld und Haus, doch wenn Du ihn zum Einfluss bringst, so wird ein Schurke draus. Besser noch: Ein Oberarschloch. Den Haferkott krieg’ ich. Den Vertrag krieg’ ich. Weiß nicht mehr weiter, der Sack. Der Furz. „Odoardo. Lessing. Emilia Galotti. Das Erwägen, das ist von ihm. Ich erwäge, dass es hier nichts zu erwägen gibt. Habe ich …“
Weiter kam er nicht. Haferkott fiel ihm ins Wort. „Ich weiß. Entnommen und abgeändert. Hören Sie, Herr Stewermann, Ihr Roman passt wirklich nicht in mein Konzept.“ So. Ruhe jetzt. Wegwegweg. Meinte er.
Von wegen. „Ihr geistiges Vermögen der Verknüpfungen der Vorstellungen mit Bewusstsein sollten Sie überdenken.“ Stewermann schnäuzte kräftig in sein Taschentuch. Wischte sich die Nase ab, ließ einen kleinen gelben Klumpen am linken Flügel hängen, der Haferkott kurz aufstoßen ließ.
Er rülpste kurz und fasste sich. „Wovon faseln Sie, Mann?“

Wie diese abgedrehte Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch / eBook
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
ISBN 978-3-9809336-3-6

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B. Richard: Verwischte Bilder

Der Mann, der vergewaltigt wurde

Der Mann, der vergewaltigt wurde

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten



Verwischte Bilder
© B. Richard

Das Pflegeheim macht einen angenehmen Eindruck. Zumindest gibt es auf den ersten Blick keine muffigen Klischees zu entdecken, aus denen üblicherweise sich in Bestürzung suhlende Fernsehreportagen zusammengemixt werden. Jene, in denen verwelkende Menschen wie Zombies durch trostlose Gänge tippeln, auf der verzweifelten Suche nach dem Weg aus der Kameraeinstellung.
Ich folge dem dicken, wippenden Hintern einer freundlichen Schwester, die mir erklärt, dass viele der Bilder in den Gängen von Menschen aus dem Heim stammen. Von Pflegebedürftigen, die immerhin noch ihre Hände bewegen können, und denen der Verstand noch befehlen kann, irgendwie Farben auf einer Leinwand zu verschmieren. Ich glaube, die haben direkt zum Ausdruck gebracht, was in ihren Köpfen los ist. Oder besser gesagt, nicht mehr los ist. Eigentlich ein Grund, hier schnellstens wieder zu verschwinden.
„Soweit es Sinn macht, fordern und fördern wir“, erzählt mir die Schwester über die Schulter hinweg, mit einer Begeisterung, als würde sie mich durch eine Schule für besonders begabte Kinder führen. „Wir haben hier beispielsweise einen älteren Herrn, einen ehemaligen Schiffskapitän. Der hat früher Luxusliner kommandiert. Heute ist das Schachspielen der einzige Weg, mit ihm in Kontakt zu treten. Ich spiele gelegentlich gegen ihn. Er gewinnt jedes Mal.“
Ich denke an dich. Schach spielten wir nie. Wir hämmerten aber mal beim exzessiven Herumficken Jeremys Schachbrett vom Tisch. Eine dieser offenen Partien, die er per Telefon mit irgendeinem seiner langweiligen Freunde zu spielen pflegte. Jeden Tag nur einen Zug. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, als Jeremy wissen wollte, wie das überhaupt passiert wäre. Du hattest was von „ungeschickt“ und „nicht darauf geachtet“ gestammelt. Irgendwie beschäftigte das den guten alten Jeremy aber noch den restlichen Tag. Sogar abends fragte er mich danach. Ob ich dabei gewesen wäre, als du sein geliebtes Schachspiel vom Tisch fegtest. Wie genau das denn passiert wäre. Ich hatte nicht antworten können, hatte ich doch gerade seinen Schwanz im Mund und ihn fast so weit, dass er hart wurde – weil ich hineinbiss, um nicht zu lachen.
„Gehören Sie zur Familie?“, fragt mich die Schwester.
„Nicht direkt.“
„Also ein guter Freund“, stellt sie klar. Mehr für sich selbst. Offensichtlich braucht sie diese Klarheit. Ich hoffe, dass sie nicht weiter fragen wird. Sie fragt nicht weiter.
Als einen guten Freund von dir und Jeremy kann man mich schon bezeichnen, wenn man an unsere wilden Zeiten denkt. Aber das ist lange her. Der Abstand ist mittlerweile groß genug, um meine Erinnerung so bunt zu verwischen wie die Bilder in den Gängen des Pflegeheims. Erinnerungen an Momente mit euch, in denen wir manches Mal derart ineinander verschlungen waren, dass mir gar nicht mehr klar war, in wem ich gerade steckte oder wessen Mund sich gerade an mir zu schaffen machte. Und Erinnerungen an Diskussionen über Literatur, Malerei, Filme und über den Sinn des Lebens und all die anderen Themen, denen ich mich damals nur saufend und koksend nähern konnte. Ich habe aber auch viel von euch gelernt und es sehr genossen, wenn Jeremy uns etwas aus seinen aufregenden Büchern vorlas oder du am Klavier mit deinem wohlklingenden Spiel nie ganz zufrieden warst, während die getupften Melodien von Eric Satie eine tiefe Sehnsucht in mir entfachten, mehr von all dem zu hören und zu wissen.
Ich denke an Ravel und Debussy, Jeremys Erfüllung. Weich und anschmiegsam war er bei manchem ihrer verspielten Klänge geworden. Anfangs, bei unseren ersten Arrangements, hatte er mich noch wie eine Sache behandelt, mich nicht an seinen Passionen teilhaben lassen. Es hatte lange gedauert, bevor er zum ersten Mal meinen Namen aussprach, ohne dass es so klang, als würde er einen Hund rufen. Und dass er mich schließlich in aller Ruhe die Pavane pour une Infante Défunte hören ließ, während er mich dabei nur schweigend beobachtete.
Du hattest es von Anfang an gewusst, warum Jeremy mich in euer Leben geholt hatte. Und nie etwas dazu gesagt. Er hatte Geld, Macht und Einfluss genug, Lebensumstände wie Tapeten zu wechseln und Menschen wie Möbel zu platzieren, immer genau dort, wo er sie am liebsten haben wollte. Jeremy hatte mich organisiert, wie er nahezu alles in seinem Leben organisierte. Er hatte mich irgendwann irgendwo gesehen und mit dem Finger geschnippt. Es hatte Leute gegeben, die dafür sorgten, dass ich sofort einverstanden war und fortan sein Spielzeug wurde. Und ich hatte schon immer besonders dann gern und ohne zu klagen auf ein Fingerschnippen reagiert, wenn die andere Hand dazu mit einem dicken Geldbündel wedelte.
Du hattest dich erst später eingemischt. Zu einer Zeit, als der ruhelose Jeremy mal wieder auf neuen Pfaden unterwegs war und mich zurückließ, wie einen abgegriffenen Teddy. Du warst mir reif und aufregend unnahbar vorgekommen. Verführerisch üppig und für einen heimatlosen zwanzigjährigen Burschen, der ich damals war, die Gelegenheit, mit einer Hure ins Bett zu gehen und in den Armen einer Mutter aufzuwachen. Nachdem ich mich für gutes Geld lange Zeit nur auf deinen Mann konzentriert hatte, warst du am besagten Tag bei mir im Zimmer aufgetaucht, die Beiläufigkeit nur gespielt, als würdest du nach irgendetwas suchen, nach einem Buch oder einer Schachtel Zigaretten. In Wahrheit wolltest du mich prüfen. Du warst so erotisch, dass ich einfach nicht die Augen von dir lassen konnte und in jeder Bewegung etwas Besonderes zu entdecken glaubte. Früher hatte ich immer davon geträumt, mit meiner Deutschlehrerin zu schlafen. Nun schenkte mir das Schicksal ein reales Remake dieser Vorstellung. Und vom pickligen Nebendarsteller, der einst irgendwo im Schatten selbstbewusst grinsender Sieger zu verdorren drohte, hatte ich endlich zum Hauptdarsteller aufsteigen dürfen, zum Hauptdarsteller in meinem eigenen Leben.


… die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde
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Gottfried Johannes Müller: Einbruch ins verschlossene Kurdistan

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Einbruch ins verschlossene Kurdistan – Abenteuerroman

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Gottfried Johannes Müller
Einbruch ins verschlossene Kurdistan


Einbruch ins verschlossene Kurdistan
© Gottfried Johannes Müler

Mit Fahrrad, Freund und sechzig Mark in den Orient

Seit Jahren ist es meines Herzens Wunsch und Sehnsucht, den Orient, von dem ich schon so viel gelesen habe, persönlich kennenzulernen. Längst habe ich dazu allerlei Vorbereitungen getroffen.
Jetzt ist der Wunsch zum Entschluss gereift.
Auch die vielerorts ausgebrochenen Unruhen können mich nicht mehr zurückhalten.
Überall ist Kriegsgeschrei …!!!
Aus Bulgarien hören wir Putschversuche, die Türkei meldet Anschlag auf Kemal Pascha, Griechenland hat große Revolution, Italien beginnt den Kolonialkrieg gegen Abessinien, drüben in Ägypten sind Unruhen und Schießereien, auch in Palästina und Syrien ist kein Frieden.
Kurz und gut: Alles ein Hexenkessel!
Und mitten hinein geht meine Fahrt. Jedoch keine Fahrt als Salonreisender. Keine Luxuszüge, keine modernen Autos sollen mich befördern. Elegante Schiffskabinen werden mir fremd bleiben, ebenso die vornehmen Hotels.
Wenn ich von der Welt und ihren Bewohnern etwas sehen und hören will, muss ich mich von vornherein auf eine einfache Lebensweise einstellen, um möglichst Land und Leute wirklich kennenzulernen.
Der Entschluss ist bald gefasst: Ich nehme ein Fahrrad!
Die äußerst schwierigen Vorbereitungen sind beendet. Nun wird gepackt: Ersatzteile für das Fahrrad, Reservekleidung und Wäsche, reichlich Medizin und ein Zelt mit Gerät.

Eine Trennung von meiner lieben kleinen Ziehorgel „Hohner-Regina“ ist undenkbar. Also nehme ich sie mit. Es hat mich nicht gereut, denn oft hat sie mir einsame Stunden erleichtert, oft mich aus peinlichen Situationen gerettet.
Eine Pistole mitzuführen, ist mehr als gefährlich. Werde ich erwischt, kann ich bös hereinfallen und einige Monate im Gefängnis brummen.
Aber: Wer wagt, gewinnt!
An einem schönen Septembermorgen geht’s los.
Natürlich mit einem gleichgesinnten Freund, der mir durch dick und dünn zur Seite steht.
Unsere Geldmittel sind äußerst bescheiden. Sechzig Reichsmark in Devisen genehmigte das Gesetz. Die gleiche Zahl betrug unser Fahrrad samt Gepäck: 60 Kilogramm!

Etwas beklemmend ist der Übertritt in ein fremdes Land. Schon bin ich nicht mehr in der schützenden Obhut und Fürsorge des Heimatlandes, sondern ganz auf mich selber angewiesen und unsagbaren Gefahren ausgesetzt.
Prag, die herrliche alte Stadt an der Moldau ist ein angenehmer Auftakt.
Budapest finde ich entzückend.
Siebenbürgen macht uns mit den Leiden und Freuden der dortigen Deutschen bekannt.
Bukarest zeigt uns schon einen schwachen Hauch orientalischen Lebens.
Dann liegt das Schwarze Meer vor uns. Die erste Seefahrt von Konstanza aus über Bulgarien in die Türkei ist wie ein Traum. An einem frühen Morgen geht’s durch die einzigartigen Naturschönheiten des Bosporus, und bald liegen wir im „Goldenen Horn“, dem Hafen Konstantinopels, vor Anker.
Wir staunen lange ob des bezaubernden Anblicks, den uns das Stadtbild mit den vielen Menschen und Minaretts bietet. Aber eine recht unangenehme Zollkontrolle ruft uns in die raue, schon echt orientalische Wirklichkeit zurück.
Früher als vorgesehen schiffen wir uns wieder ein. Denn gestern noch waren die Dardanellen wegen wilder Kriegsgerüchte durch Minenketten gesperrt. Heute jedoch ist die Durchfahrt gestattet.
So gelangen wir vorzeitig auf dem kleinen, schmutzigen Türkendampfer „Inebolu“ bei Nacht und Nebel durch die Meerenge, hinüber nach Kleinasien.
Nach zwei Tagen, die wir mit über hundert zerlumpten Rekruten verbringen müssen, welche uns nebenbei eine gehörige Ladung von billigem Ungeziefer besorgen, landen wir gegen Abend in Smyrna.
Unvergesslich sind die Ausflüge zu den antiken Ruinenstätten von Ephesos und Pergamos.
Wie wir dann in die Hafenstadt zurückkommen, stockt uns fast der Atem. In einer uns wohlbefreundeten Familie hören wir zu unserem nicht geringen Schrecken, dass die „Inebolu“ auf ihrer nächsten Fahrt hierher in einem Sturm mit Mann und Maus untergegangen sei …
Welch eine göttliche Bewahrung! Denn unsere Schiffskarten für die „Inebolu“, die wir in Deutschland schon gekauft hatten, lauteten genau auf das Datum ihres Untergangs!
„Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.“ Das ist von vornherein unsere Devise gewesen. So landen wir bald auf der Insel Rhodos (d.h. Roseninsel), berühmt durch ihre überragende Schönheit.

Nach zwei Wochen setzen wir die Reise fort nach Ägypten und damit nach Afrika.
Von Alexandrien aus radeln wir weiter in die Hauptstadt Kairo, die uns das Wort „Orient“ in allen Variationen vorführt. Hier lernen wir auch den ganzen Schmutz, das fürchterliche Elend, die unsagbare Armut, vermischt mit unbeschreiblichen Krankheiten, kennen.
Wehe, wenn hier im Orient jemand von Mitleid erfasst wird. Er wird bald auf Schritt und Tritt verfolgt und kann sich nur noch durch ganz rasches Verschwinden retten. Anstelle eines „Bakschisch“ (Geschenk) bekommt der Bittende nicht selten einen Fußtritt, oder er wird angespuckt, wenn nicht gar verflucht. Immer wieder hören wir Flüche wie „In al abuk“, d.h. „verflucht sei dein Vater“, oder „Ebnil kälb“, d.h. „du Sohn eines Hundes“.
Hier in Kairo sind wir mitten in den blutigen Unruhen. Nicht selten sehen wir, wie ein Demonstrationszug die Polizei angreift oder einen Straßenbahnwagen völlig demoliert.
Wir machen noch einen kurzen Besuch bei den Pyramiden, in Sakkara und Memphis. Dann soll’s weiter gehen gen Osten, hinein nach Asien.
In Ismaila erreichen wir den Suezkanal und treffen noch am selben Tag in Port Said ein.
Es sind noch wenige Tage bis Weihnachten. Nach all den bisherigen Sonnentagen ist es heute etwas stürmisch, und unser Kapitän überlegt, ob wir bei dem augenblicklichen Seegang vor Jaffa anlegen können oder gleich nach Haifa weiterfahren müssen. Schließlich bleiben wir aber doch hier.
Bald stehe ich mit meinem Freund auf dem Boden des Heiligen Landes.
Nach einem äußerst anstrengenden Tag, der uns die Fahrräder mit dem schweren Gepäck in strömendem Regen hinauf auf die Berge von Juda schieben sah, kommen wir endlich nach Jerusalem.
Ein deutscher Freund erwartet uns hier, und bald haben wir ein neues Nest gefunden, von dem aus wir unsere weiteren Ausflüge unternehmen werden.
Am Christabend wandern wir zusammen mit anderen Deutschen hinaus nach Bethlehems Fluren, um auf dem Hirtenfeld, in der Geburtskirche und später dann in der kleinen deutschen Kirche Weihnachten zu feiern.
Kann man solch erhebende Stunden auf geweihter Erde je vergessen? Ich nicht!
An Silvester ereilt meinen lieben Reisegefährten ein tragisches Schicksal. Schon bald nach unserer Ankunft überliefen ihn kalte Fieberschauer. Schüttelfrost! Der herbeigerufene Arzt stellt Typhus fest und steckt den armen Kerl fünf Wochen ins Hospital.
Nach dieser Zeit und der notwendigen Erholung muss er auf direktem Weg heim, zurück nach Deutschland, fahren.
Schweren Herzens muss ich mich von ihm trennen.
Aber meine brennende Sehnsucht zieht mich vorwärts!
Die Frage der Finanzierung dieser Weiterreise war natürlich nicht einfach. Bis hierher hatte ich mit manchen Einschränkungen kommen können, hatte ich doch die Schiffskarten schon zu Hause gekauft. Außerdem übernachtete ich mit meinem Freund fast ausschließlich in unseren praktischen Zelten.
Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!
Was irgendwie entbehrlich war, wurde verkauft: Fahrrad, Zelt, Medizin, Instrumente und eine Menge Kleinkram. So bekam ich schon ein ganz nettes „Taschengeld“ für die Weiterreise zusammen.
Dazu spendete mein lieber palästinischer Freund noch einige Englische Pfunde.
Nun konnte ich es also wagen!
Wer den tieferen Orient nicht kennt, kann sich keine Vorstellung machen, wie billig man in diesen primitiven Gegenden lebt! Tatsächlich kommt man mit „Pfennigen“ aus. Nur muss aller europäische Komfort wegfallen.
Später stellte sich heraus, dass ich richtig kalkuliert hatte.
Schon für vier Pfennige bekamen wir eine ordentliche Portion arabischer Kost. Lange Zeit ernährten wir uns täglich mit wenig mehr als einer Handvoll getrockneter Datteln; Kostenpunkt: zwei Pfennige. Für Droschkenfahrten zahlte man zehn Pfennige, für Stiefelputzen drei Pfennige. Unsere Autofahrt im „eleganten Salonwagen“ durch die tausend Kilometer lange Syrische Wüste zurück nach Damaskus kostete nicht mehr als sechs Reichsmark. Das sind nur einige Beispiele!
Was meine Reisekasse aber am wenigsten beanspruchte, war die orientalische Gastfreundschaft. Hierin hatte ich ein ganz besonderes Glück. Manche Woche war ich irgendwo zu Gast. Ich hätte den Gastgeber kaum schwerer beleidigen können, als wenn ich ihm für den Aufenthalt Geld angeboten hätte.
Macht sich der Leser von dieser billigen Lebensweise eine Vorstellung, dann kann er begreifen, wie ich mit wenigen Mitteln ehrlich und aufrecht durchgekommen bin.
Es soll aber niemand in die Versuchung kommen, mit ein paar Groschen in der Tasche den Orient zu bereisen!
Ach, wie werden jene, die mit den Verhältnissen und der Sprache nicht vertraut sind, kräftig übers Ohr gehauen! Oft wird ihnen ein unverschämt hoher Preis abverlangt und man bezahlt ihn am Ende, nur um der Aufdringlichkeit und dem fürchterlichen Geschrei der Markthändler zu entgehen.
Ist aber ein solcher Reisender wirklich einmal blank, dann lernt er den wundervollen Orient von einer anderen Seite kennen!
Ich habe auch solche Arme getroffen, welche aus dieser Not nicht mehr herausgefunden haben.
Für meinen heimgekehrten Freund lerne ich auf einer meiner umfangreichen Reisen kreuz und quer durch Palästina „Sepp“, einen Tiroler Studenten, kennen.
Auch er hatte die Absicht, noch weiter nach Osten zu reisen.
Nie hat es mir leid getan, diesen edlen, frommen, aber auch eisernen Kerl mit mir genommen zu haben. Ich kann wohl sagen, er wurde mir ein Freund im wahrsten Sinne. Die Freude üppiger Tage, aber auch das bittere Leid von Not, Verfolgung und Überfällen hat er geduldig mit mir getragen.
Unsere Blicke wandern nach Norden. Wir warten schon bald eine Woche, bis die Revolution in Syrien, hauptsächlich der Ausnahmezustand von Damaskus, beendet ist, denn vorher ist es unmöglich, das syrische Visum zu bekommen. Von dort aus wollen wir dann nach Mesopotamien fahren.

Wieder einmal sitzen wir im Kaffeehaus eines Griechen, schön gelegen am See Genezareth, und lesen die neuesten Nachrichten von dem Nachbarland Syrien.
Plötzlich fährt draußen wie ein spukhafter Feuerteufel ein roter Lastwagen vorüber. Ich springe hoch, bin schon auf der Straße und pfeife mit aller Kraft durch die Finger.
Tatsächlich hören es die Fahrer und halten an.
Ich eile hin und lese, wie ich es gehofft hatte: „Overland-Desert-Route.“
Ein Wagen nach Bagdad!
Klar, wir fahren mit!
Nach einer Stunde haben wir die palästinische Grenze schon hinter uns. Nun geht es hinein in die wuchtigen Moabiterberge Transjordaniens.
Dann folgt Wüste, unendliche Wüste. –

Wie diese unglaublich spannende Reise weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook


Gottfried Johannes Müller
Einbruch ins verschlossene Kurdistan

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Karin-Anne Tomschitz: Der Haarelasser

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Abenteuer im Frisiersalon – Haare schneiden – Glatze – Friseurgeschichten

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Abenteuer im Frisiersalon


Der Haarelasser
© Karin-Anne Tomschitz

Robert K. war seit fünfzehn Jahren verheiratet. Ebenso lange arbeitete er bereits für die Unionsbank. Kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag rief ihn sein Chef zu sich ins Büro und eröffnete ihm, dass er von einem gierigen Mutterkonzern, der sich die Unionsbank einverleibt hatte, wegrationalisiert wurde. Man fand Robert großzügig ab und entließ ihn mit Worten des Bedauerns in einen sonnigen Spätsommer. Dieser sollte bald zum Herbst werden und Robert fühlte, dass auch der allgemein so bezeichnete Lebensabschnitt unmittelbar bevor stand.
Robert fiel in ein schwarzes Loch. Sein Lebensinhalt war ihm genommen. Die nächsten acht Wochen hat Robert daraufhin auf der Wohnzimmercouch verbracht. Kurz nachdem seine Frau in die Arbeit gegangen war stand er gewöhnlich auf. Dialoge am Frühstückstisch galt es zu vermeiden. Aufgrund seiner momentanen Situation mangelte es ihm an Gesprächsstoff. Sein Tagesablauf war lose geplant. Er begann mit dem Frühstücksfernsehen, dazu trank Robert Milchkaffee. Zu Mittag sah er sich Weltnachrichten an, döste ein wenig, und dann wurde es Zeit für das Nachmittagsprogramm.
Robert ließ einen warmen Frühlingsregen aus Talkshows, Reality-Soaps und Gerichtssendungen auf sich einplätschern, während er diverse Tiefkühlgerichte verzehrte. Er konnte sich nicht erklären, warum die Zeit überhaupt verging. Offenbar wusste sie es nicht besser. Am Abend irgendwann kam Magda wieder heim.
Wenn sie ihn dann immer öfter mit einem Sackerl Chips vor einer Folge von Raumschiff Enterprise aus den Sechzigern ertappte, wurde sie aufgebracht.
„Hast du dir wenigstens die Anzeigen durchgelesen, die ich dir hingelegt habe?“
Aber sie sah sofort, dass der Zeitungsteil wieder einmal unberührt war. Vor dem Einschlafen dachte Magda manchmal an Scheidung und irgendwann, als sie Robert neben sich schnarchen hörte, beschloss sie, dass es nun an der Zeit war zu handeln. Am nächsten Morgen jedoch telefonierte sie nicht mit ihrem Anwalt, sondern bestellte kurzerhand das Kabelfernsehen ab.
Robert fiel in ein schwarzes Loch. Sein Lebensinhalt war ihm genommen. Ein Versuch, den er mit den öffentlich-rechtlichen Kanälen gestartet hatte, währte lediglich einen Vormittag lang. Auf einen Dokumentarfilm über den Schiffsbau Mitte der siebziger Jahre sollte Kinderprogramm folgen. Robert entschied, vor die Tür zu gehen. Er dachte an seine Studentenzeit, in der er pflichtschuldigst seinen Beitrag zur Wiener Kaffeehauskultur geleistet hatte.
Von nostalgischen Gefühlen begleitet, machte er sich auf den Weg Richtung Innenstadt.
Das Wetter war trüb, selbst für Ende Oktober. Leichter Nebel fiel ein, obwohl es erst halb zwei Uhr Nachmittag war. Robert hoffte, bald die dezente Leuchtschrift seines früheren Stammcafés durch die zarten Schwaden ausmachen zu können. Der Gedanke, in einer rotsamtenen Sitzbank sowie in Erinnerungen zu versinken, hatte etwas Tröstliches.
Auch Roberts zartes Schwelgen konnte den beißenden Geruch nach heißem Frittierfett, der unvermutet in seine Nase drang, nicht bremsen. Dort wo früher ein Mohrenkopf mit orientalischer Kopfbedeckung für eine bestimmte Kaffeesorte geworben hatte, prangte nun das Brandmal einer US Fastfood-Kette. Hatte der Besitzer des von Robert so oft frequentierten Lokals etwa Hochverrat begangen und war zum Franchisenehmer mutiert? Nein, das war unvorstellbar! Wahrscheinlich genoss er bereits irgendwo pfeiferauchend seinen wohlverdienten Ruhestand.
Irritiert begab Robert sich zu einer weiteren Lokalität in der Nähe. Er stellte erfreut fest, dass dort immer noch Kaffee ausgeschenkt wurde. Allerdings war dieses Haus ebenfalls dem Trend zum Amerikanismus anheim gefallen. Robert beschloss, dennoch einen Versuch zu wagen. Es gab dort Selbstbedienung, keinen Herrn Franz, der zwischen den Tischen umherschlenderte. Als Robert eine Melange orderte, sah ihn der uniformbekleidete Junge an der Kassa unsicher an. „Einen Macchiato Caramel, oder einen Cafe Latte mit Vanillearoma vielleicht? Möchten Sie ein After Coffee Mint dazu?“
Robert war wie gelähmt, stammelte etwas von „keine Zeit mehr“ und fand sich auf der Straße wieder, um seine Reise fortzusetzen.
Es dämmerte mittlerweile. Nieselregen fiel. Seit nunmehr vier Stunden hatte Robert alle Kaffeehäuser abgeklappert, die er aus seiner Jugend kannte. Diejenigen, die nicht in Kommerztempel umgewandelt waren, in denen die Kids ihren herzlosen Götzen huldigten, fristeten ihr Dasein als Touristenfallen. Unmengen von Asiaten, die auf Kuchenstücke in der Vitrine zeigten. „Unbelievable, it’s a real Guglhupf!”
Das leichte Nieseln hob an, zu einem ausgewachsenen Wolkenbruch zu werden. Robert hatte keinen Schirm bei sich. In der Porzellangasse stellte er sich in einer Einfahrt unter. Zwei Häuser weiter kam eine ältliche Dame mit ihrem Pudel aus einem Frisiersalon. Das Tier trug einen roten Regenmantel. Als die Frau an Robert vorbeiging, umwehte ihn ein warmer Hauch; der Geruch von Shampoo und die charakteristische Aura von überheizten Räumen mit hoher Luftfeuchtigkeit, die in Roberts Gehirn unweigerlich das Bild von Mutters Waschküche, das Bad am Samstagabend, kurzum einer ultimativen Geborgenheit hervorbrachte, wie Robert sich sicher war, sie seit seiner Kindheit nicht mehr verspürt zu haben. Fünf Minuten später saß er auf einem Friseursessel. Das Lehrmädchen, welches ihn bediente, lächelte reizend: „Waschen und schneiden?“
Robert nickte und überließ sich der Aufmerksamkeit, die in der folgenden Stunde seinem Haupthaar zuteil werden sollte. An diesem Abend kam Robert zufrieden nach Hause. Magda bemerkte, dass ihr Mann unterwegs gewesen war und verbuchte dessen Aktivitätsschub auf ihrem Erfolgskonto.
Der Friseurbesuch bedeutete die Wende.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook


Abenteuer im Frisiersalon

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Heike Schwarze: Missis Sippis Blues

Schlüsselerlebnisse

Schlüsselerlebnisse

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Schlüsselerlebnisse

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse


Missis Sippi’s Blues
© Heike Schwarze

Der Tag, an dem sie Rosie Townsends Fahrrad aus dem Fluss zogen, war ein Tag, an dem ich wie so oft oben am Fenster stand und mich fragte, wie die Zukunft wohl sein wird. Es war ein regnerischer Tag im Juli, es regnete schon seit Wochen fast pausenlos, und der Fluss war an mehreren Stellen über die Ufer getreten. Der alte Bradley meinte, wenn man sich bei der Strömung in die Fluten stürze, käme man auf einem Baumstumpf schiffend an einem Tag bis nach Louisiana und weiter, vorausgesetzt, man überlebe den Ritt. Dann kicherte er wie ein alter Mann, der schon zu oft vom Pferd gefallen und wieder aufgestanden und davon ein wenig wunderlich geworden ist, und steckte sich seine Pfeife zwischen die eingefallenen Lippen, wie er es immer zu tun pflegte. Er saß mit Sicherheit unten auf der Veranda in seinem Schaukelstuhl, lauschte dem Trommeln des Regens auf dem Vordach – wenn er es überhaupt noch hören konnte – und paffte ein paar schwache Züge, die seiner alten Lunge nun auch nichts mehr anhaben konnten, als Jeffersons klappriger Truck aus der Earlington kommend in unsere Straße einbog und langsam an unserem Haus vorbeituckerte, mit dem Fahrrad hinten auf der Ladefläche.
Das Fahrrad war grün, ich hatte es oft vor der Schule stehen sehen, an den dritten Laternenmast hinter der Turnhalle gekettet, mit einem Zahlenvorhängeschloss aus Metall. Die Kombination wählte Rosie jeden Monat neu, aus Angst, jemand könnte ihr das Fahrrad stehlen. Sie liebte es über alles, es hätte ihren Dad mindestens 50 Dollar gekostet, sagte sie oft. Wir anderen verstummten dann oder wollten auf einmal lieber über Gummitwist und neue Sorten von Icecream reden. Wir wünschten uns alle nichts sehnlicher als ein 50$-Rad zu Weihnachten. Rosie hatte ihr Fahrrad zu Weihnachten bekommen. Wir bekamen keins. An den Lenker hatte sie dünne braune Lederbänder gebunden, auf die kleine Perlen aus Plastik aufgefädelt waren, diese Bänder hatten es mir angetan. Sie machten mich fast verrückt. Ich hätte alles für solche Bänder mit bunten Perlen gegeben, solche, die in der Sonne glänzten, solche, wie an Rosie Townsends Fahrradlenker gebunden waren. Jetzt war das Fahrrad rostig, und wenn ich auch nicht viel erkennen konnte, dann dass die Bänder fehlten. Das sah ich. Ich stand oben am Fenster.
Das Fahrrad war jetzt rostiger als Jeffersons alter Truck, der Lack schien sich vollständig aufgelöst zu haben. Die Bänder waren abgerissen. Ich sah es selbst durch den dichten Regenschleier. Der alte Bradley sagte später, die Strömung, die Strömung, mit der man bis nach Louisiana und weiter reiten könne, die habe wohl die Farbe abgerieben, den 50$-Lack. Es solle ihn nicht wundern, wenn die Fische, die sie in den nächsten Wochen weiter unten flussabwärts fangen würden, alle grüne Sprenkel auf den Schuppen und in den Kiemen hängen hätten, tausend grüne Sprenkel von Rosie Townsends Fahrrad, sagte er.
Jetzt hörte ich ihn nicht.
Der Regen donnerte an die Scheiben, an dem Tag als sie Rosies Fahrrad aus dem Fluss zogen, das grüne, verrostete Fahrrad mit den abgerissenen Lederbändern am Lenker, das Fahrrad, das Rosies Vater mindestens 50$ gekostet hatte und um das wir sie alle beneidet hatten.
Ich konnte an nichts anderes denken. Es war ein Tag, an dem der alte Bradley wie gewöhnlich unten auf der Veranda und ich oben am Fenster zusahen, wie Jeffersons alter Truck wie jeden anderen Tag an unserem Haus vorbeifuhr, an diesem Tag mit dem Fahrrad hinten auf der Ladefläche. Diesmal kam er mir noch langsamer vor als sonst.

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Schlüsselerlebnisse
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse

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Mila Carnel: Fräulein Afrika

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Erzähl mir was von Afrika – Afrikageschichte

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Erzähl mir was von Afrika


Fräulein Afrika
© Mila Carnel

New York, 19.7.53

Liebe Tilda,

dann will ich dir also noch einmal schreiben, bevor ich nach Deutschland komme, und will versuchen, deine Fragen zu beantworten. All die Zeitungsausschnitte über mich hast du gesammelt! Ich werde dich in Berlin besuchen, vielleicht magst du ja mit an den Rhein kommen; warst mir immer eine gute Freundin und ich wüsste dich gerne beim Festakt an meiner Seite, wenn Herr Adenauer mich um meine Arbeit ehrt.
Wie das also zuging?
Von dem Fred musste ich weggehen, als er sich mit seiner Frau aussöhnte. Sie war plötzlich wieder da, nachdem sie ihn mit so viel Drama verlassen hatte. Er machte mir eine „anständige Erklärung“, wie er es nannte, damit jeder wusste, woran er war. Ich wusste es dann doch nicht, bin viel in den Straßen von Berlin umhergezogen. Beim Hinterhof-Karl konnte ich beizeiten unterkommen. Die Stadt war mir wie eine große, fröhliche Familie – die mich aber verstoßen hatte. Da war in einer Kirche eine Filmvorführung von der „Mission der Weißen Väter“, gab meine letzten Groschen, es sei eine Gabe für die Mission, hieß es und sah den Film. So dunkel die Menschen und so anders und so wenig am Leib und doch so stolz. Einer der Missionare mit weißem Bart und Tropenhelm sprach anschließend davon, dass sie immer gesunde Menschen christlicher Gesinnung suchen für Afrika, da wusst’ ich: Ich will fort! Und geh ganz höflich zu dem Rauschebart und frag ihn: Was ist ihm eine “christliche Gesinnung“ und was macht man da in Afrika? Treu im Glauben soll man sein und eine gute Ehefrau und ein Beruf sei wichtig, und ich denk: Das schaff ich ihm alles und er schafft mich auf ein Schiff nach Afrika.
Ich wusste plötzlich, was ich all die Jahre in Berlin gesucht hatte: Die Aufregung, was von Abenteuer, die Menschen und ich in allem. Ich hörte noch den ganzen Abend die Trommeln, die sie von einer Walze abgespielt hatten, und das war dann mein Puls, meine Unruhe. Ich sprach mit Karl darüber und sagte ihm: „Du willst mich doch, dann lass mich deine Frau werden und wir gehen nach Afrika.“ Das war ihm nur zum Lachen, er wollt in seinem Hinterhof bleiben, bei seinen Knöpfen und Kaninchen und sagte mir, ich sollte doch in den Zoologischen gehen, da wär oft Völkerschau. Ich sag ihm, er hat einen Tag zum Überlegen – ich käm nach Afrika! Ich schrieb dem Fred einen Brief mit Lebewohl und so. Und denk dir: Am nächsten Morgen ganz in der Früh ist der Fred plötzlich da, schlecht sieht er aus, meinen Brief hat er dabei, und sagt, ohne mich kann er dann auch nicht sein. Und überhaupt, was wären das für Zeiten: Alle wollten einem die Welt erklären, aber sagen doch nur warum sie schlecht ist. Viele Parolen gibt es, aber keine Arbeit.
„Elli, ich möchte mit dir nach Afrika!“
„Was sagt denn deine Frau dazu?“
„Die sagt, sie erstickt an meinen Ansprüchen und wir würden aneinander doch nur unglücklich werden.“
Und so geben Fred und ich das christlich gesinnte Paar vor den weißen Vätern, einen Trauschein hat uns der Karl gemacht und weil der Fred Zeichner ist, sagen sie, er soll Bibelbilder malen; und ich kann Maschine schreiben, das ist gut für die Verwaltung, denn je wilder das Land, desto wichtiger die Verwaltung. Bald sind wir in Bremerhaven und auf dem Schiff; ich habe keinen zum Hafen kommen lassen, wäre ich doch vielleicht schwach geworden, hätte ich ihre Tränen gesehen. Als wir auf hoher See sind und die Wellen uns schwanken lassen, weiß ich: ich bin jetzt kein Korken mehr, der in der Stadt umhergesprudelt wird, jetzt wird alles anders.
Wir kamen nach Daressalam. Mit uns waren Bethel-Missionare und solche von den Weißen Vätern, und dort wo der Zug seinen letzten Halt hatte, war eine Musikkapelle in weißen Uniformen angetreten und spielte entschlossen aus schwarzen Gesichtern einen Marsch. Am Rande des Bahnsteigs standen Eingeborene, dürftig mit Webtuch bekleidet, zwei auch mit Raubtierfell; sie standen dort auf lange Stöcke gelehnt, den Fuß des einen Beins am Knie des anderen Beins; standen dort wie seit Zeitaltern, sahen Züge kommen, Deutsche, Engländer, Missionare und jetzt bin ich da und es ist das Aufregendste in meinen Leben, aber ihnen ist das eins.

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Erzähl mir was von Afrika
Erzähl mir was von Afrika

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Patricia Koelle: Eine Frage der Zeit

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Eine Frage der Zeit

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneEr würde wieder Unmögliches von mir verlangen. Ich sah es an Ekki Priemers betont gleichgültigem Gesicht, als er am Montagnachmittag mit den Händen in den Taschen auf meinen Schreibtisch zugeschlendert kam.
Keine Ahnung, wie er darauf gekommen war, dass Julius Anwander zu einem der wirren und weitläufigen Zweige meiner Familie gehörte. Aber Priemer ist Herausgeber der Lokalzeitung, und es ist sein Job, alles zu wissen. Vor allem die Dinge, die er nicht wissen soll.
Und er ist mein Chef.
„Karla“, sagte er, „Sie haben doch Semesterferien.“
Da er das schließlich ganz genau wusste, konnte ich es schlecht abstreiten.
„Ich muss für eine Prüfung lernen“, sagte ich.
Er wischte diesen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. „Das können Sie auch woanders. Ich möchte, dass Sie ein paar Tage wegfahren. Da gibt es dieses idyllische Nest. Altenholz. Und genau da lebt dieser merkwürdige Kauz, dieser Anwander, der niemanden an sich heranlässt.“ Er beugte sich blitzschnell zu mir herunter und bohrte seinen Haifischblick in meine Augen. „Aber Sie wird er lassen. Ich weiß, dass Sie mit ihm verwandt sind. Es ist mir gleich, wie weit entfernt.“
„Ich kenne ihn aber nicht. Wer ist das?“
„Tun Sie nicht so unschuldig“, zischte er. „Selbstverständlich haben Sie von ihm gehört. Auch in Ihrer Familie gibt es Klatsch und Tratsch. Der war Arktisforscher und dann hat er diese Bücher geschrieben, die die Leute verzaubert haben, bevor sie sie wieder vergaßen. Über erschreckend kurze Tage und ewige Nächte, über Nordlichter, die ihn mit ihrer Schönheit zum Heulen brachten, über großartige Begegnungen mit Eisbären, leuchtenden Algen, Eiswürmern und dem Alleinsein mit sich selbst und seiner Angst in einer ungeheuren Weite. Er hat siebzehn verschiedene Blautöne in einem einzigen Eisberg gefunden. Er hat die Schwierigkeiten, auf treibenden Eisschollen meteorologische Instrumente vor einem Publikum aus neugierigen Seehunden aufzubauen, so beschrieben, dass die Menschen Tränen lachten. Aber er hat sich nie zu Lesungen überreden lassen. Nicht einmal zu Interviews.“
„Und was ist jetzt der aktuelle Bezug?“, wollte ich wissen. „Hat er ein neues Buch geschrieben?“
„Nein. Man hat seit Jahren nichts von ihm gehört. Aber Klimawandel, Gletscherschmelze, Erhöhung des Meersspiegels, Sie wissen schon. Ist doch hochaktuell. Vielleicht hat der verrückte Kauz was dazu zu sagen, was die Leute verstehen. Die Experten im Fernsehen faseln Fachchinesisch. Damit kann keiner was anfangen. Anwander ist einer, der die Leute berühren kann.“
„Offenbar will er aber nicht mehr.“
„Dann bringen Sie ihn dazu, Frau März. Oder liegt Ihnen nichts mehr an Ihrer Arbeit bei uns?“ Er roch nach alten Zwiebeln.
Am liebsten hätte ich ihn frech angegrinst und meinen Schreibtisch geräumt. Aber leider brauchte ich den Job. Auch wenn es nur die Lokalzeitung war. Priemer war anerkannt, die Zeitung hatte einen guten Ruf. Ich brauchte Erfahrung und Referenzen, wenn ich eine erfolgreiche Journalistin werden wollte. Das Geld übrigens auch.
Natürlich kannte ich die Bücher von Julius Anwander. Seinetwegen hatte ich sogar einmal Arktisforscherin werden wollen. Na gut, da war ich dreizehn. Aber einen Rest von Bewunderung und Begeisterung konnte ich durchaus wiederfinden.
Nur hatte Julius keinem Mitglied seiner umfangreichen Familie jemals ein Zeichen gegeben, dass er bewundert werden wollte. Oder befragt.
„Wann soll ich losfahren?“, fragte ich den Haifisch.
„Morgen natürlich. Sie finden bestimmt einen preiswerten Gasthof. Besorgen Sie ein Geschenk für den Alten, Wein, Blumen, was auch immer. Die Zeitung zahlt. Und dann ran an ihn. Finden Sie heraus, was er denkt. Über die Zukunft. Über unseren Umgang mit der Umwelt. Ob er einen Rat hat. Egal. Hauptsache, es klingt interessant. Ein Interview mit Anwander ist schon eine Sensation, der Inhalt ist nicht wichtig.“
„Toll!“, dachte ich, „Inhalt unwichtig – das ist nicht wirklich die Einstellung, mit der ich meine Karriere beginnen wollte.“
Nun, ich würde schon einen finden, der sich lohnte. Vorausgesetzt, ich fand Julius Anwander.
Der Haifisch hatte zwar seine aktuelle Adresse herausgefunden, aber das hieß ja noch lange nicht, dass da auch jemand zuhause war. Vielleicht war er auf Expedition. Er war nämlich noch gar nicht alt. Achtundfünfzig, um genau zu sein.
Ich fand es auch nicht gerade höflich und respektvoll, ohne Ankündigung bei ihm aufzukreuzen. Aber wenn er nicht besucht werden wollte, war es wohl besser, ihn zu überrumpeln, als mir von vornherein eine Absage zu holen.
Als Verwandte kann man ja einfach mal vorbeikommen, oder?
Was Priemer nicht wusste, war, dass in der Nähe von Altenholz noch eine Tante zweiten Grades von mir wohnte, die sich über einen Besuch von mir freute. Ihre Kinder waren längst ausgeflogen und außer schwatzhaften Nachbarn und Stubenfliegen trieb sich nicht allzu viel Leben bei ihr herum.
Ich bezog also ein winziges Gästezimmer bei Tante Marietta, in dem alles kariert war, Bett, Gardinen, Teppich, Tischdecke, Waschlappen, sogar eine Bordüre an den Wänden. Mir kamen Bedenken, ob ich nach drei Tagen hier noch einen Gedanken würde fassen oder einen Satz schreiben können, der nicht auch kariert war. Aber Tante Mariettas Schokoladenkuchen rückte alles wieder gerade. Falls er mich nicht sogar unverwundbar machte. Vielleicht konnte ich damit sogar Julius Anwander bestechen.
„Der Julius?“, sagte Tante Marietta auf meine Frage hin in einem Ton, als hätte sie eine Ratte in der Speisekammer gefunden. „Den kannst vergessen.“ Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Ich vermutete, dass Julius sich irgendwann einmal nicht für ihre Geburtstagskarte bedankt hatte und seit Jahren nicht in der Kirche gesehen worden war. Aber vielleicht steckte noch mehr dahinter. Langsam wurde ich neugierig.
„Geh ruhig hin“, sagte Tante Marietta düster. „Wirst sehen, was davon hast.“
Beim Kofferpacken hatte ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich mich chic machen sollte, um Eindruck bei Julius zu schinden, oder ob ihn etwas Bodenständiges, Praktisches eher wohlwollend stimmen würde. Ich entschied mich für Letzteres, da er in der Arktis bestimmt nicht mit Krawatte herumgelaufen war.
Die Überlegungen hätte ich mir sparen können. Bei uns war schon fast Frühling, aber hier oben hatte es sich der Winter offenbar für längere Zeit gemütlich gemacht. Als ich aufwachte, zeigte das Thermometer minus fünfzehn Grad, und zu den zwanzig Zentimetern Schnee von gestern waren dreißig hinzugekommen. Etwas anderes als ein dicker Pullover, Thermohosen, Stiefel und Skijacke kam sowieso nicht in Frage. Anwander wohnte auf einem alten Hof halb den Berg hinauf. Tante Marietta war nicht der Meinung, dass die Straße dorthin geräumt worden war. Sie drückte mir eine Wanderkarte in die Hand und sagte, ich solle dem Weg mit dem grünen Doppelstrich folgen. Ich steckte mein Diktaphon ein, meinen Notizblock und ein Stück Kuchen, von dem ich behauptete, es als Proviant zu benötigen.
Der Weg war länger als gedacht. Mehrfach versank mein Bein bis zum Knie in einer Schneeverwehung, und darunter griffen Wurzeln nach mir. Ein scharfer Wind fand den Weg durch Reißverschlüsse und Ärmel. Winzige Tannen wirkten wie Wesen im Pelz, die sich zueinander gebeugt Geheimnisse ins Ohr flüsterten. Eigentlich fand ich es herrlich. Ohne Grund wäre ich niemals hier spazieren gegangen. Warum eigentlich? Aber als ich schließlich den Rabenhof fand, hatte ich nasse Füße und Hosen, steif gefrorene Finger trotz meiner Handschuhe und freute mich unheimlich auf eine Tasse heißen Tee. Oder heißen Irgendwas.
Er hatte nicht einmal den Weg zur Haustür gefegt. Wenn es einen gab. Immerhin gab es ein Schild. „J.A.“ stand darauf. Das Gebäude war niedrig, und die Kanten vom Dachüberhang verschwanden fast im Schnee. Der First schien nicht mehr ganz gerade zu sein. Er wirkte, als sei das ganze Haus zusammengesackt und niemand hätte es bemerkt.
Ich fasste mir ein Herz und klingelte.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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Manfred Schröder: Tuomas

Leseprobe
Tuomas von Manfred Schröder
aus dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten



Tuomas
© Manfred Schröder

Tuomas schoss den Stein durch ein imaginäres Tor. Volltreffer! Er wollte schon zum zweiten Schuss ansetzen, doch er hielt inne. Der Gedanke an Mamma war stärker als die Fußballweltmeisterschaft in seiner Phantasie. Er trug die neuen Schuhe heute zum ersten Mal. Und er kannte Mammas Wutausbrüche. Zwar kurz, aber nicht ungefährlich. So verzichtete er auf das Goldene Tor und war mit dem Ergebnis zufrieden. Er blickte auf seine Schuhspitzen. Zum Glück gab es keine Schrammen.
„Milano“, hatte sie betont. „Echtes Leder. Und das ist nicht billig.“
Papa war anders. Er war still und trank. Wenn auch nicht viel. Jetzt war er arbeitslos und trank ein bisschen mehr. Doch dies tat er fast nie zu Hause, sondern mit den Kumpels beim Lalli*. Manchmal machte er Schwarzarbeit. Das Geld gab er Mamma. Dann wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, und schwankte zwischen Dankbarkeit und Jammern. Dass das Geld weder vorne noch hinten reiche und sie nicht wisse, wie alles bezahlt werden solle.
Tuomas hatte sich daran gewöhnt. Er war zwölf und schien unaufhörlich zu wachsen. So behauptete es jedenfalls Mamma.
„Auf dem Flohmarkt gibt es gute und billige Sachen“, erklärte des Öfteren Papa. „Tuomas könnte sie bestimmt tragen.“
Mamma kaufte jedoch alles im Geschäft. „Wir sind keine Bettler!“ Trotzdem vergaß sie nie, darauf hinzuweisen, wie schnell das Geld verschwand.
Papa nickte dann nur und schwieg. Oder er stand auf und ging zum Lalli.
Ab und zu steckte er Tuomas ein paar Euro zu; heimlich. „Ein großer Junge braucht schon mal etwas Geld.“
Tuomas verstand nicht immer die Handlungsweisen von Papa und Mamma. Er lebte in seiner eigenen Welt, irgendwo zwischen Supermann und Fußballstars.
Am Samstag beim Frühstück hatte sich Mamma wieder in Rage geredet. Die Zeitung berichtete über einen Mann, der ein kleines Mädchen unsittlich belästigt haben sollte. Und dann davongelaufen war, als er Spaziergänger kommen sah.
„Und das alles hier in der Nähe des Parks.“
Dann hatte sie Papa die Zeitung gereicht. „Das ist er!“
Die Polizei hatte eine Zeichnung anfertigen lassen. Ein älterer Mann mit traurigen Augen.
„Hoffentlich kriegen die den bald. Weißt du noch, im letzten Jahr?“
Dann war sie plötzlich aufgesprungen, aus der Küche gerannt und nach kurzer Zeit mit Liisa auf dem Arm zurückgekehrt. Liisa war Tuomas’ kleine Schwester und drei Jahre alt. Mamma hatte geschnauft und war ganz aufgeregt. Als ob der Unhold sich schon in der Wohnung befunden hätte.
Nach einer Weile hatte sie sich beruhigt und Liisa auf Tuomas’ Schoß gesetzt. „Pass auf, dass sie nicht herunterfällt.“
Er konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals auf den Boden gefallen wäre, wenn sie auf seinem Schoß gesessen hatte.
Mamma war dann zum Ofen gegangen, hatte mit den Töpfen herumhantiert und sich über die Unfähigkeit der Polizei wieder in Rage geredet.
Papa war aufgestanden. „Ich gehe zum Markt. Ohlson hat Arbeit für mich.“
Ohlson war der Gemüsehändler, bei dem Papa manchmal aushalf. Mamma kannte ihn nicht, doch sie mochte ihn nicht leiden. „Der nützt dich doch bloß aus“, ereiferte sie sich jedes Mal. Dennoch war sie froh über das Geld, das Papa nach Hause brachte. Ebenso über das Obst und Gemüse, das er in großen Tüten heranschleppte.
Als Papa gegangen war, hatte Tuomas Mamma seine Hilfe angeboten. „Ich kann mit Liisa auf den Hof hinuntergehen. Sie kann dort im Sandkasten spielen.“
Natürlich hatte sie wieder ihre Zweifel gehabt. „Aber sei vorsichtig, dass nichts passiert. Kann ich mich darauf verlassen?
Tuomas hatte genickt. „Du kannst, Mamma!“
Sie hatte Liisa angezogen und selber hinuntergebracht. War zum Sandkasten gegangen und hatte ihn erst untersucht. „Dauernd laufen hier Hunde herum. Warum kann man sie nicht an der Leine halten!“ Und voller Sorgen war sie ins Haus zurückgekehrt.
So war es oft am Samstag.
Tuomas setzte sich auf eine umgedrehte Holzkiste, die jemand hatte liegen lassen. Hinter ihm lag der Park und vor ihm erhoben sich hochgezogene Mauern eines Hauses, welches sich noch im Rohbau befand. Eisengerüste umklammerten es wie riesige Spinnenbeine. Überall lag Material umher, das man am Freitag, wohl in Erwartung des Wochenendes, nicht mehr weggeräumt hatte.
Tuomas blickte den Wolken nach, die lustlos wie ein Sonntagnachmittag am Himmel dahinzogen. Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er erblickte einen bärtigen Mann, der sich auf das Haus zubewegte und ein mit einem Strick zusammengehaltenes Bündel unter dem Arm hielt. Er trug einen langen, grauen Mantel und seinen Kopf bedeckte eine Wollmütze.
Tuomas kannte solche Männer. Manchmal saßen sie auf den Bänken im Park oder schliefen dort, wenn es nicht zu kalt war.
„Gesindel“, sagte Mamma immer. „Das Einzige, was die können, ist trinken. Zum Arbeiten haben die doch keine Lust.“ Dabei schaute sie manchmal Papa an, als gehöre er auch zu jenen.

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
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