Gertrud Scherf: Familienbild

Familienbild

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenAm Morgen nach dem Umzug saß ich beim Frühstück in der Küche. Um mich herum standen und stapelten sich Kartons mit Kochutensilien, Geschirr, Besteck und den vielen Kleinigkeiten, von denen ich erst beim Einpacken wieder erfahren hatte, dass ich sie besaß. Ich schaute aus dem Fenster hin über die Kleinstadtdächer; in der Nacht waren sie weiß geworden. Eine Gruppe von Tauben landete mit lautem Geschrei auf dem nahen Giebel. Vermutlich würden sie bald versuchen, auf meinem Balkon Nester zu bauen. Von unten drang Straßenlärm herauf, und ich wünschte mich zurück in die alte Wohnung, wo ich von meinem Platz am Esstisch in hohe Bäume schaute.
Das Foto hatte ich zuoberst in eine Schachtel mit anderen Bildern gelegt. Nun holte ich es vorsichtig aus der Verpackung und legte es vor mich auf den Tisch. Leider war ich offenbar doch nicht sorgfältig genug gewesen, denn das Glas war gebrochen und der Pappendeckel auf der Rückseite eingedrückt. Ich würde mich gleich morgen oder besser noch heute Nachmittag darum kümmern, damit das Bild bald wieder unversehrt wäre.
Alle fünf, die um den Tisch saßen, hatten lachende Gesichter und selbst der Hund im Vordergrund schien zu lachen. Das Bild wollte ich auch diesmal wieder so hängen, dass ich es von meinem Platz am Esstisch anschauen konnte. Es würde mir, wie in den vorherigen Wohnungen, Mut und Zuversicht vermitteln.
In den Gelben Seiten fand ich zwei Glasereien. Ich nahm den Stadtplan und machte mich auf die Suche. Am Gebäude der ersten Firma informierte ein Schild, dass der Betrieb aufgegeben sei. Aber die zweite Glaserei existierte, und der alte Mann, der mich nach meinem Anliegen gefragt hatte, stellte die Neuverglasung des Bildes für den nächsten Vormittag in Aussicht. Offenbar war ihm aber meine Enttäuschung nicht entgangen, denn er sagte: „Also gut, ich mache es gleich. Kommen Sie in einer halben oder dreiviertel Stunde wieder. Vielleicht haben Sie noch ein paar Besorgungen zu machen.“
Erleichtert dankte ich und bat, möglichst entspiegeltes Glas zu verwenden, denn schon öfters hatten mich die Spiegelungen gestört.
Der Marktplatz zeigte beeindruckende Fassaden, aber an zu vielen Häusern gaben Tafeln bekannt, dass Laden- oder Geschäftsräume in diesem Haus zu vermieten seien. Ich ging an den Schaufenstern der Kettenläden entlang, fand nur einen Billig-Lebensmittelmarkt und kaufte dort lustlos für mein Abendessen ein. Als ich die Glaserei betrat, lag mein Bild fertig gerahmt auf dem Arbeitstisch. Der Glaser packte es sorgfältig ein, und ich eilte durch den vorfrühlingshaft hellen Spätnachmittag zurück in die Wohnung.
Als ich mich zum Abendessen setzte, hing das Bild schräg gegenüber neben dem Fenster. Ich aß Nudeln mit wässerigen Gelben Rüben und faden Champignons, trank ein Glas Rotwein und betrachtete wieder einmal die heitere Szene.
Lag es am entspiegelten Glas oder an der neuen Beleuchtung? Neben dem Gartentisch, am rechten Bildrand, war ein Schatten. Ich stand auf, ging von vorn ganz nah an das Bild heran, dann einen Schritt nach links, einen nach rechts. Der Schatten blieb. Vielleicht war durch das Herausnehmen aus dem alten und das Einfügen in den neuen Rahmen Schmutz oder Feuchtigkeit aufs Foto gelangt. Ich hängte das Bild ab und betrachtete es unter starkem Lampenlicht erneut. Das Papier schien sauber und unversehrt, aber der Schatten blieb. Es sah aus, als hätte eine Person, die selbst nicht im Bild war, aber ihren Schatten warf, rechts von der Gruppe gestanden. Ich hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit Einräumen der Küchenschränke und des Bücherregals. Ich wollte die letzten Urlaubstage nutzen, denn sobald ich die Stelle im Krankenhaus angetreten hätte, würde ich von den neuen Aufgaben sicher zunächst so beansprucht, dass für anderes nicht mehr viel Zeit und Kraft blieben.
Erst am Abend betrachtete ich wieder das Bild. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass das ältere der beiden Mädchen dick war. Übergewicht war damals bei Kindern und Jugendlichen noch längst nicht so häufig wie jetzt. Das Mädchen hat ein großes Stück Kuchen vor sich auf dem Teller und ist dabei, sich wieder einen Brocken in den Mund zu schieben.
Ich nahm meinen noch halb vollen Teller mit Hirse und Gemüse, stellte ihn neben der Spüle ab, holte die Zeitung und setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa.
Während des Frühstücks am nächsten Morgen legte ich zwei Listen an: eine mit Erledigungen für den Tag und eine mit Besorgungen. Ich verbrachte die nächsten Stunden mit Einkäufen, nahm mir aber zwischendurch Zeit, die Kirche und das Schloss anzuschauen. Es war ein sonniger, aber kühler Tag, unter den mächtigen Bäumen im Schlosspark blühten Schneeglöckchen und Krokus. Ganz unerwartet fand ich einen Naturkostladen mit einem verlockenden Lebensmittelangebot. Ehe ich nach Hause zurückkehrte, schaute ich in das Schaufenster eines kleinen Modegeschäfts, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Das dunkelblaue Kleid gefiel mir. Ich trage kaum Kleider, aber bei der einen oder anderen Gelegenheit könnte ich es vielleicht anziehen. Größe 36 müsste wohl passen. Wenn es nächste Woche noch da ist, so beschloss ich, gehe ich rein und probiere es an.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
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Manfred Schröder: Nachtgeflüster

Nachtgeflüster

© Manfred Schröder

Die Nacht ist schwarz, wie die Kutte von Pater Dominicus, der auf den Knien liegend, im Schweiße seines Angesichtes, mit dem Teufel ringt, und zu Gott fleht, dass der sündige Kelch an ihm vorüber gehen möge. Der sündige Kelch ist dunkelhaarig und steht meist mit lächelndem Mund und Bein unterm Schein der Laterne im Park. Er hört den Teufel lachen und Gott fällt mit ein und der gequälte Priester fährt hoch aus schrecklichem Traum.

Ja, die Nacht ist schwarz und die Schiffe haben Fernweh und atmen unruhig am Kai. Eine Stimme mit Rum veredelt, singt zum Schifferklavier das Lied von Madagaskar und der Pest an Bord. Wolken treiben im kalten Nachtwind nach Osten, wo ein ferner Morgen am Horizont sich entfaltet. Nur ab und zu blinkt ein Stern hervor; immer bereit, den Seeleuten den Weg übers Meer zu zeigen. Doch was da gluckst und gegen die Schiffswand schlägt, ist nicht die weite See, sondern das trübe Wasser des Flusses. Kaschemmen und Kneipen, Orte des Frohsinns und der „Sünde“, schließen ihre Pforten. Aus einer tritt der Herr Pfarrer, protestantisch und luthergewaltig mit hochgeschlagenem Kragen und scheuem Blick. Und der Herr Studienrat, Freigeist der Stadt, Spötter und Nachtschwärmer, grinst und summt:

Es ging eine Biba Kirchenmann
ums Freudenhaus herum.
Da sah ihn eine fromme Schwester
und er stellte sich ganz dumm.
Als ein Hirt‘ für alle Schafe sei er hier zur Abendstund‘.
Um auch deren Seelen zu retten;
dies sei der wahre Grund.

Da lächelte die fromme Schwester,
um Augen und um Mund.
Auch sie sei eine arme Seele;
so einsam und so wund.
Er schaute fromm und grinste fein;
das sei doch zu versteh’n.
Sie könne doch, wenn sie nur möcht‘,
mit ihm nach Hause geh’n!

Derweil irrt ein Trinker durch enge Gassen und ruft vergeblich nach seinem Feinsliebchen. Die Flasche in seiner Hand gähnt Leere bis zum Grund. Noch stehen Nixen am Ufer und singen verführerisch, wie einst an der Loreley und winken einladend mit ihren Flossen. Dann naht so mancher Freier, wie einst der Schiffer im Kahn. Und nicht selten sieht man am anderen Morgen eine Leiche, die im Wasser treibt. Hin und wieder begegnen sich Dieb und Katze auf den Dächern und in engen Hinterhöfen und erweisen sich gegenseitig ihre Reverenz. Im Park, unter einer Laterne feilschen der brave Bürger und die Dirne um den Preis. Die Polizei indessen fährt zufrieden ihre Runden, denn es herrscht Ruhe in der Stadt. Die Nacht ist wie jede andere. Auch heute wird ein Kind geboren und die Heiligen Drei Könige sind Wesen in weißen Kitteln. Und Engel singen leise im Radio von Liebe, die nie vergeht.

Die Häuser liegen jetzt still und geduckt wie schlafende Hunde. Für viele ist das Bett zu groß und sie wälzen sich einsam von einer Seite zur anderen. Junge Mädchen träumen ihren hundertjährigen Schlaf und warten auf den Prinzen. Doch nicht alle ruhen in ihrer Kammer. Krankenschwester, Polizei und andere nützliche Wesen haben wie der Dieb, den Tag zur Nacht gemacht und eilen geschäftig hin und her. Auch der Nachtwächter, der noch nie einen Tag gearbeitet hat, dreht getreu und gewissenhaft seine Runden. Nachtwächter haben viel gesehen und gehört. Und wenn sie sich still verhalten, dann leben sie länger. Als er wieder an der Laterne vorbeikommt, sind der brave Bürger und die Dirne schon verschwunden. Auf einer Bank sitzen vermummte Gestalten und die Flasche kreist von Hand zu Hand. Der junge Dichter in seinem Kämmerlein, blickt mit zerkautem Stift auf ein höhnisch grinsendes Blatt weißem Papier und kämpft mit Sein, oder Nichtsein. Es klopft an der Türe und als er sie öffnet, steht der sündige Kelch, als Muse vor ihm und winkt mit einer Flasche Wein.

Aus einer Seitengasse eilt der Dieb und schaut sich vorsichtig nach allen Seiten um. Er ist müde nach harter Arbeit; doch zufrieden und mit einem schweren Sack beladen. Und leise singt er vor sich hin:

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne,
den Polizisten hab ich gerne!

Die Katze liegt auf dem Dach und träumt von großen und kleinen Fischen. Der Schiffsjunge, voller Sehnsucht nach unbekannten Ländern, öffnet verschlafen seine Augen und blickt auf die Uhr. Er seufzt und mit einem leisen Fluch erhebt er sich, denn der Kapitän und der Matrose dürfen noch weiterschlafen. Beide wünscht er samt Schiff zum Teufel und wird doch, wonach er sich sehnt, in ihre Fußstapfen treten.

Bald klappert und scheppert es in den Straßen und engen Gassen. Die Hügel von Sand und Kohle stoßen ab vom Kai und die Schiffssirenen wünschen sich gegenseitig eine frohe Fahrt. Im Morgenlicht erheben sich die Häuser und öffnen ihre Augen für einen neuen Tag. Bäcker und Metzger grüßen einander über die Gasse hinweg. Pater Dominicus lobpreist Gott und lässt die Glocken läuten. Und wer in der Nacht artig in seinem Bett gelegen hat, darf zur Belohnung schon früh zur Arbeit gehen.

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Karin Reddemann: Der Eisbär

Der Eisbär

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeMein Onkel Vicente, den wir Winni nannten, um seinen Namen nicht zu verhunzen, liebte keine Frauen. Männer wohl auch nicht. Er war unser Onkel Winni, der keinen brauchte. Ein sexuelles Neutrum. Dachte ich. Wie das Seepferdchen, das sich selbst genügt. Tatsächlich hat er sein Leben gelebt, um für uns da zu sein. Für die billig beschmierten Frühstücksstullen seiner Stiefmutter Oma Gerda Nord hat er auf süße Küsse verzichtet. Jetzt ist er tot. In seinem Grab liegt der Eisbär aus Plüsch, den er mir versprochen hatte. Hab ihn da hinein geschmissen, trotzig, starr, weil ich nicht flennen wollte, obwohl mir da was im Hals steckte, das mein Hirn fressen wollte. Der Pfarrer guckte böse, vielleicht war er aber auch nur angerührt von einer Stimmung, die er nicht kannte. Von einem warmen Gefühl, das Frühling verspricht und in den Lenden eines Abgestorbenen nicht mehr existieren darf. Hermi Weißmüller, die Winni nach dem Tod von Oma Nord immer ein frisch belegtes Brötchen auf die Fußmatte gelegt hat, immer im Papiertütchen, weil sie Plastik hasste, hat bitterlich geweint. Pfarrer Hansen dachte vielleicht, sie sei seine heimliche Geliebte gewesen. Und ich, die mit dem Eisbären, noch eine dazu. Eine frische mit echten Zähnen. Alter Schlawiner. Pfarrer Hansen heulte zur Sonne, wie sie das machen, wenn sie müssen. Ich musste nicht, dachte an mein Versprechen, mit ihm nach Amerika zu fliegen, da wollte er hin. Sprach kein Wort Englisch, war aber der Beste im Kreuzworträtseln. Kannte alle Politiker beim Vornamen, kaufte mir mein erstes Gold, das um meinen Hals hing und dort immer noch hängt, obwohl das Schwere, Auffällige es bescheiden macht, das Mode wurde. Ich bettelte ihm meinen Käfer ab, der grün mit dicken Angeberreifen war, schwor ihm, zu dolmetschen wie der Teufel, wenn wir erst einmal da sind, irgendwo auf dem Highway, wo wir Sommer atmen können. Hat Winni die Jahreszeiten wittern können? Vicente Enrique Llano-Garcia, das schmilzt auf Zungen, die kühl und nordisch sind. Er klang so verheißungsvoll, er war schön. Ist abe nie dem Ruf der Wildnis gefolgt. War unser zweiter Vater, hat meiner Mutter die Wange gestreichelt, wenn sie allein war und gegen den Wind anschrie. Seiner Schwester. Vielleicht hat er sich sein Glück gesucht, geholt, irgendwo in schmuddeligen Hinterzimmern, wo Liebe versprochen wird. Schäme mich dafür, daran zu denken, wie er sich Sex besorgt hat. Denke, auch er hat nachts das Verlangen gespürt. Nachts, wenn der Kopf herumspukt und nach unserer Lust greift wie ein Alptraum mit langen Krallen, der sich festbeißt in uns, bis wir vor Wonne glänzen und schreien. Schwitzen im banalen Strahl einer Taschenlampe. Bis wir merken: Das ist gar kein Horror, der da lacht, wenn wir brüllen und es herrlich finden.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
ISBN 978-3-9809336-3-6

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Patricia Koelle: Himmelssprünge

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Himmelssprünge

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneAls Lore Habermann vom Briefträger erfuhr, dass Frank Thiessen von nebenan 500 Euro im Preisausschreiben der Zeitung gewonnen hatte, freute sie sich ehrlich für ihn. Vielleicht würde das Bewegung in sein Leben bringen.
Er könnte sein verkommenes Haus damit streichen. Seit er es von seinen Eltern geerbt hatte, hatte es keine Farbe gesehen und war so grau wie sein Bewohner. Das Grau ging Lore auf die Nerven. Er könnte einen Rasenmäher kaufen oder das vergessene Auto im Vorgarten verschrotten.
Es war sonst nichts gegen ihn einzuwenden. Jeden Tag ging er pünktlich in die nahe Drogerie und verkaufte mit freundlichem Blick Sonnencreme und Taschentücher. Einladungen zum Grillen oder Skat wies er zurück, aber stets höflich.
Ein Lächeln schien er nicht zu besitzen.
An milden Tagen saß er auf der Stufe vor seiner Tür und las. Wo der Rest seines Lebens blieb, wusste niemand. Und für Lore, die seit dem Auszug ihrer Kinder ein waches Auge auf die Nachbarschaft hatte, gab es nichts zu sehen. Eine ganze Himmelsrichtung – vollkommen verschwendet.
Sie machte ihm keine Vorwürfe. Schon seine Eltern waren verschuldet gewesen. Doch seinetwegen blieb eine kleine Traurigkeit in ihr, die sich so wenig verscheuchen ließ wie eine hungrige Wespe.
Der Gewinn schien bei Frank Thiessen zunächst nichts zu bewirken. Lore fragte sich, ob er wohl für einen mütterlichen Rat offen wäre, und musste von ihrem Robert daran erinnert werden, dass mindestens achtunddreißig Apfelernten vergangen waren, seit Frank Thiessen ein stiller Junge mit Kniestrümpfen und braunem Lederranzen gewesen war. Lore musste zugeben, dass er inzwischen nicht nur etwa unbeholfene eins achtundneunzig groß, sondern auch erwachsen war.
Dann kam der Donnerstag, der Lores Aussicht nach Westen völlig veränderte. Sie kam nach Hause und sah, wie ein Lastwagen aus der Einfahrt des Nachbarhauses bog. Ob sich der Junge eine Waschmaschine geleistet hatte? Die Chancen standen schlecht, dass sie es jemals in Erfahrung bringen würde.
Oben sah sie aus dem Fenster und erstarrte. Es war Anfang Oktober und der Tag hatte einen solchen Biss, dass sie Handschuhe angezogen hatte. Nun vergaß sie, den zweiten wieder auszuziehen.
In der verdorrten Wildnis nebenan, die einmal ein Garten gewesen war, in dem ein Junge Murmelbahnen baute, stand ein Karton, groß wie Lores Schlafzimmer.
Als Lore abends vom Canasta zurückkehrte, lehnten die Reste neben Frank Thiessens Mülltonne. „Familientrampolin“, las sie, „Durchmesser 4,30 m, Höhe 87 cm, 96 Federn.“
Sie war außer Atem, als sie sich aus ihrem Fenster lehnte. Das runde schwarze Gebilde, das das Nachbargrundstück füllte, wirkte in der nebligen Dämmerung wie ein Teich. Wäre da nicht die Silhouette Frank Thiessens gewesen, der zwischen seinem Splitter Erde und dem silbernen Herbsthimmel wortlos auf und ab sprang, immer höher.
Er sprang noch, als Lore ins Bett ging. Sie konnte es am Quietschen der Federn hören.
Vier Wochen lang füllte Bewegung Lores Fenster. Frank Thiessen frühstückte im Schneidersitz auf dem Trampolin und sprang dann, bis er zur Arbeit ging. Punkt 16.15 war er zurück auf dem Trampolin. Er aß darauf, las darauf und schlief darauf mit einer Wolldecke, den Blick auf den zunehmenden Mond gerichtet.
Dazwischen sprang er, und wenn es hell genug war, konnte man sein Lächeln sehen.
Lore schämte sich nicht, gelegentlich ihr Fernglas zu benutzen. Sie schwor, so ein Lächeln habe sie ihr Leben lang nie im Gesicht eines Menschen gesehen.

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Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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Susanne Weinhart: Schlitten, geschlitterte

Schlitten, geschlitterte

© Susanne Weinhart

Es hätte anders laufen können. Rasanter, geschmeidiger, sanfter, seliger. Die Gelegenheit war günstig, das Lametta aufgehängt. Doch die Kufen waren nicht gewachst, die Steine nicht aus dem Weg geräumt und graue Schneemänner säumten den Weg, lenkten mich ab und zeigten grinsend in Schluchten. Gegen graue Schneemänner ist kein Kraut gewachsen (eine graue Schneefrau fiel mir erst zuhause ein).
Mit jedem aufsteigenden Schritt rieselte zuckriger Pulverschnee in unsere klammen Siebenbergestiefel, die Schlitten : anstupsende Krokodile, die gegen Fers‘ und Stein rumpelten. Simon, rot-daunig, rief in die eiskalte Nacht hinaus: „der EU-Gipfel in Nizza!“. Politik am Stil nannte ich das, er gab mir – hüstelnd – Recht und ein gut durchdachtes Salamibrot.
Es gibt nichts Schöneres, als bei 1400 Meter über Null und 15 Grad unter Null in Jacques Chiracs Agrarpolitik zu schwelgen. Das war mir klar.
Gerade an Heiligabend hat das seine Reize.
Fäustlinge anziehen, echoten unsere Fingerspitzen. Fäustlinge anziehen.
Unter uns Unterammergau, weihnachtlich illuminiert, wir blieben stehen, hielten uns an der Hand und meinten, aus der Dorfkapelle einen Knabenchor zu hören, Schneepolster hingen wie bauchige Notenschlüssel in den schwarzen Tannen. Ich schluckte, Tee und den christbaumkugelgroßen Weihnachtskloß im Hals. Sprechen – unmöglich.
Norwegerpulliwarme Gedanken legten sich auf den mütterlichen Lichterteppich und versanken geborgen wie niedergebrannte Dochte im Wachs.
Weitergehen, pochten unsere Eiszehen. Weitergehen.
Dann lange Zeit nur Wald, der Weg so breit wie eine Fahrstraße. Keine Fußspuren. Kein Mensch. Waren wir denn noch Menschen? Ja, wir redeten über Politik, alles in Ordnung also. Genauer: Simon redete, ich keuchte zweifelnd und hielt mehr Ausschau nach der Pürschlingshütte als dem „Haus Europa“, das Simon als bebende Fata Morgana in großen Atemwolken aushauchte. Die genannten Politikernamen, durchwegs männlich und ohne großen geistigen Aufwand mit Finanzdelikten und Vakuumreden in Verbindung zu bringen, machten selbst die weißesten Schneekristalle brüsselgrau.
Wir kamen als schwitzendes, knirschendes Gespann (auf den Schlitten schienen ein paar politisch interessierte Waldkobolde Platz genommen zu haben, sie wurden immer schwerer und störrischer: „Du ziehst bestimmt Hans-Kobold Eichel …“) an einer winzigen, verschlossenen Marienkapelle vorbei, an deren makelloser Fassade ein fast leerer Meisenknödel baumelte. „Was ist das denn?“, fragte Simon sogleich enthusiastisch(Berliner Wissenschaftler aus Überzeugung). „Futter für deine Polit-Meise“, sagte ich und tippte ihm liebevoll gegen die Stirn. Drei rote, vor der Madonna aufgebahrte Grablichter züngelten hektisch und hatten Löcher in den Schnee gefressen. Die Hütte in Reichweite, in Schneeballweite. Ein Seufzer war erlaubt. Der Zenit war erklommen und – Weitergehen, pochten unsere Wangen. Weitergehen.
Jeder hatte seinen Schlitten, auch das konnte zu denken geben. Aber an einem Dezemberabend auf dem Berg zur heute-journal-Zeit denkt man generell nicht mehr viel, oder man denkt wie Simon an Chancen und Risiken der internationalen Politik unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der EU oder wie ich an ausgepresste Orangen und explodierte Geschenke, klopft sich den hartnäckigen Schnee von den Hosenbeinen und wünscht blaulippig Hals- und Beinbruch. Runter kommen sie alle, und lenken muss man allein. Und noch mal den Schal lassolässig um den Hals geworfen, bevor die Tiefe die Kufen zu fressen beginnt.
„Dann geht’s bergab!“
Wir saßen auf unseren Schlitten, noch zügellos. Die erste Kurve fletschte schon perlweiße Zähne und tote Wurzeln, sauberer 45°-Winkel …
Ich sah ihn prüfend an.
„Solange du das nicht metaphorisch meinst …“, lachte Simon und warf mir einen Schneeball gegen den Rucksack.
„Dein Schlitten heißt Devil’s Dance, das gibt zu denken …“
„Keine Sorge, so höllisch wird’s schon nicht werden. Also los?“
„Also los.“
Los/Schicksal. 6 aus 49.
Eine Tippgemeinschaft rast dem Tal zu.
Am Parkplatz im Tal stiegen wir in zwei Autos und fuhren nach Hause, er nach Berlin, ich nach München. Simons Schlitten war bei 900 Höhenmetern an einer gefällten Lerche in drei Teile zersprungen, den Rest trabten wir mit hochgeschlagenen Krägen zu Fuß ins Tal. Es sah aus, als kämen wir vom Gaißacher Hornschlittenrennen oder vom Holzklauen. Oder als würde Simon ein Geweih aus dem roten Daunenbauch wachsen. Aber niemand sah uns, und wir sahen uns auch nicht.
Ein Ros‘ war in diesen Breiten nicht entsprungen. Der grüne Daumen trug Fleecefäustlinge.
Der Schnee war erst im Auto geschmolzen, das Eis tat es gar nicht.
Und das Lächeln war unterwegs ausgerutscht.
Weiterfahren, klopften meine Finger. Weiterfahren.
Nach Bethlehem ist es noch so weit.

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Gertrud Scherf: Kurschatten

Kurschatten

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten23. Februar
Endlich angekommen. Das Zimmer ist groß und hell, bei schönem Wetter werde ich nachmittags auf dem Balkon in der Sonne sitzen und in den Park schauen.
Die Autobahn, die Landstraße, die Suche nach dem Kurhotel, die Gepäckschlepperei und das Zurechtfinden im Haus haben mich über die Maßen angestrengt. Ja doch, ich bin erschöpft, sonst wäre ich nicht hier. In den drei Wochen werde ich mich erholen – und eine Entscheidung treffen.

25. Februar
Gestern Vormittag war ich bei der Kurärztin, die mir Anwendungen für eine Woche aufgeschrieben hat, nicht zu viele auf meinen Wunsch hin. Der Knieguss und das Melissenbad waren angenehm, angenehmer noch die zwei Spaziergänge in die Umgebung des Ortes.
Ich habe es geschafft, um einen Einzeltisch im Speisesaal zu bitten. Offenbar ist man hier solche Wünsche nicht gewohnt, noch heißt man sie gut – aber jedenfalls sitze ich allein.

02. März
Seit Tagen Nebel. Er stört mich kaum, denn in ihm sind wenige Spaziergänger unterwegs. Heute Nachmittag bin ich am Bach entlang gewandert, die Haselkätzchen in der Hecke sind aufgeblüht, die Schlehen haben dicke Knospen. Auf dem Heimweg ging ich im dichter gewordenen Nebel dahin und es dämmerte bereits ein wenig. Aus dem nahen Wald rief ein Rabe. Gesehen habe ich ihn nicht, und ich vermute, dass ich mich getäuscht habe. Wie sollte es hier im Hügelland Raben geben.
Als ich den Eingangsbereich des Hotels betrat, sah ich Frau Schneider hinter dem Rezeptionstisch stehen und mich missbilligend anschauen, so wie sie es vor über dreißig Jahren in der Schule getan hatte. Wie damals wandte ich rasch den Blick ab und als ich wieder hinschaute, war es nicht Frau Schneider, sondern eine der Empfangsdamen.

03. März
An meinem Katzentisch gefällt es mir – ich kann die anderen Gäste beobachten und fühle mich nicht gefordert. Heute erschreckte mich allerdings eine Dame vom Nachbartisch. Sie sprach mich von hinten an, stellte sich als Frau Ackermann vor und fragte, ob ich nicht an ihren Tisch kommen wolle. Sie sitzt dort mit einem älteren Ehepaar. Ich bedankte mich höflich, sagte, dass ich gerne allein sitze, weil ich viel Ruhe brauche. Sie schien ein wenig gekränkt, aber ich war mit mir zufrieden.

04. März
Unverhofft zog sich am frühen Nachmittag der Nebel zurück. Nach dem großen vormittäglichen Spaziergang ging ich nur bis zur Kurpromenade und setzte mich dort auf einen Stuhl. Es waren wenige Leute unterwegs, da die meisten Kurenden noch beim Essen, bei Anwendungen oder beim Mittagsschlaf waren. Bald fühlte ich mich in der wärmenden Sonne seltsam ruhig und dösig. Langsam bewegten sich dunkle kahle Zweige vor mir auf dem hellen Pflaster. Ich schreckte auf, als dahinschießende Schatten die Projektionsfläche durchquerten und gleich wieder verschwunden waren. Tiefes Krächzen erklärte das nur einen Moment lang Gesehene.
Ich fröstelte, die Sonne war verschwunden, Nebel senkte sich zwischen die Häuser. Aus einer Seitengasse trat mir Onkel Franz entgegen. Ich hatte gehofft, ihn nie mehr zu sehen, nie mehr seine freundliche Stimme zu hören, mit der er Sätze sagte, die mich bloßstellten und verletzten. Er ist seit 10 Jahren tot. Ich schaute ihm ins Gesicht – der Mann ähnelte ihm kaum, ich lächelte, und er lächelte zurück.

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Susanne Weinhart: Vermächtnisse

Vermächtnisse

© Susanne Weinhart

Der Mann, der vergewaltigt wurde
Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi.

Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für vier Personen. Der Tod hatte die Familie gestreift, besucht, hatte mitgenommen. Wieder etwas für seine calciumreiche Trophäensammlung. Mein Vater schaltete nervös das Radio an. Aus. An. Aus. An. Was hatten die auszackenden, sinusförmigen Kurven des Displays zu sagen, in nekrologischer Hinsicht? Viel. Nichts. Vor allem Yeah-Yeah-Yeah. Ich hatte Schwierigkeiten, an den Großvater zu denken. Der Stadionlärm fehlte, seine akustische Hängematte, das alte Radio in der Küche, das noch mit dicken Batterien lief und gebirgsbachartig rauschte. Davor war er bei meinen letzten spärlichen Besuchen immer gesessen, meistens waren es knarzige Cassettenaufnahmen von „Heute im Stadion“, ich betrat das gelbe, niedrige Zimmer und wurde mit einem „Pssscht“ begrüßt und einem herrischen Kopfnicken, das besagte: Sofort hinsetzen und wontorragenaue Spielanalyse. Lass die Eckfahnen flattern. Dann saßen wir zwei da, während die Eltern mit der Großmutter in Richtung Steinerne Brücke spazieren gingen, mit anderen Worten: vor der Versteinerung in die Versteinerung flohen. Großvater drehte wild an der Antenne herum, schrie gegen den tor-tor-toaaarrr-schreienden Gebirgsbach an und sprach jedem Spieler des FC Bayern nach ein paar bebenden Sekunden die Bundesligareife ab. So etwas wie ein guter Spieler existierte nicht mehr. Als das Spiel vorbeigerauscht war, haute der Großvater auf das scheinbar geschrumpfte Radio und grummelte in seinen getigerten Jesusbart hinein.

„So wird das nie was“, meinte er ingrimmig.

„Aber das Spiel war doch von 1997“, entgegnete ich.

„Egal – so wird das nie was. Dortmund ist denen auf den Fersen.“

„Nicht diese Saison.“

„Egal – denk an Dortmund. So wird das nie was.“

Dortmund war für meinen Großvater das, was Carthago für den alten Cato war, der seine Reden im Senat mit einem „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendete. Dortmund war der Feind, der jederzeit in einer dunklen Ruhrpott-Ecke lauerte, um über den FC Bayern im Hunnenritt herzufallen und deswegen dringend auf 40 Punkte Abstand gehalten werden musste. Am besten wäre natürlich Exil gewesen, sprich: 2. Bundesliga, persönliches Utopia. Der gelb-schwarze Mund aus „Dort-Mund“ war zu groß, zu gefräßig. Der BVB-Gewinn der Champions League 1997 klumpte sich in Großvaters gebeutelter Gefühlswelt zu Black Friday, Waterloo und Untergang der Titanic in einem zusammen. Ich glaube, getröstet hat ihn damals nur die Tatsache, dass Ottmar Hitzfeld danach als Trainer bei Bayern München anheuerte. Davon versprach er sich einiges, um den „Mund“ des „Kohlekumpelvereins“ zu stopfen.

Furchtbare Tiefs fielen nach jedem Spiel, unabhängig vom Ausgang, über den Großvater her, und ich war jedes Mal erleichtert, wenn meine Eltern nebst Großmutter zurückkamen und das zähe Gespräch in Richtung fleischiges Abendessen und Sabine Christiansens „Lattenzaunbeine“ lenkten. Lattenzaunbeine, ein Wort, das ich nur in der Von-der-Tann-Straße hörte, danach nie mehr.

„Da seid ihr ja wieder, wie Falschgeld“, hieß er sie willkommen und schaute drei Minuten grübelnd in den sperrangelweit aufgerissenen Kühlschrank, bis ihn die Großmutter an seinem rot-blauen Deutscher-Meister-FCB-Schal wegzerrte, bevor er mit den in Hamsterkäufen erworbenen eingeschweißten Goudaecken jonglieren konnte, was er in fußballerischer, tranceartiger Erregung gerne tat: „Abmarsch!“

Der Abschied fiel unwirsch und grummelig aus und in den im Flur zu wabern beginnenden Küchendunst hinein, meine Eltern waren beide berufstätig und drängten zur Heimfahrt, was mein Großvater jedes Mal persönlich nahm, sodass er beide ab den ersten Aufbruchssignalen komplett ignorierte und mich für alle Zeiten verdorben sah. Zumal mein Vater schüchterner Fan von 1860 München war, ein Verräter in der eigenen Familie. Er könnte den genetischen Defekt weitergeben – out of Regensburg.

„Nimm das mit Dortmund nicht auf die leichte Schulter, Mädchen“, riet er mir dann bitter, „die kommen aus dem Nichts.“ Ich musste damals manchmal ziemlich dumm geschaut haben. Vorsichtig blickte ich nach allen Seiten, was da alles aus dem Nichts käme. Dortmund – das war die Allmetapher für die Dinge im Leben, die am Tor vorbeiliefen.

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Susanne Weinhart: Dîner Sole

Dîner Sole

© Susanne Weinhart

Zwischen Vanessas Sätzen „Ich werde nie heiraten“ und „Ich werde Nils heiraten“ lagen drei ölfressende Winter, eine seltsame Bundestagswahl, eine morbide, 289-seitige Doktorarbeit über die Figur des Arztes in Thomas Manns Romanen und der schleichende Tod meiner Großmutter. Ich weiß noch, wie Vanessa dalag, als sie den einen, den ersten Satz sagte, sie lag auf meinem Bett, da ihr Bett schon abgebaut war, die langen blonden Haare wie ein Strahlenkranz bei Marienbildern um sich ausgebreitet, ihr weites grünes Kleid hing zu Boden, überall standen die Schranktüren offen, als ob sie nach uns schnappen würden, und sie beobachtete mich, am offenen Fenster stehend, nach ihren Eltern Ausschau haltend.

„Erinnerst Du mich daran, wenn ich jemand heiraten will, irgendwann?“

„Wie kommst Du jetzt darauf?“

„Nur so.“

„Vielleicht willst Du dann daran nicht erinnert werden.“

Sie betrachtete ihre kleinen Füße, umkniff mit ihren Zehen ein braunes Sofakissen und ließ es auf ihren Bauch fallen. „Und wenn doch?“

Ich hörte ein scharrendes Geräusch an der Tür, ging durch den zugestapelten Flur und öffnete nervös, es war ihr Vater und ihr Bruder, die grußlos nach Vanessas Koffer griffen und sie das lange Treppenhaus herunterwuchteten. Ich war unhöflich und hätte sie am liebsten gehindert, die Koffer und das Bett wegzutragen, Vanessa nach vier Jahren von mir wegzutragen. Vanessa selbst war ins Bad gerannt und kämmte sich wild die Haare mit meiner Bürste, schrie auf, stürzte in die Küche und schrieb auf ein Stück buntes Blümchenküchenpapier, das sie regelmäßig im Drogeriemarkt um die Ecke gekauft hatte, ihre neue Telefonnummer in Berchtesgaden, dahinter: (Vanessa!), küsste mich mit großen Klaus-Kinski-Augen und polterte türknallend aus der Wohnung. Bis bald, Liebe!, schallte es noch zu mir hinauf.

Ich stand mitten in der zerwühlten Wohnung, hörte das Geschrei ihres Bruders, dann das wegfahrende Auto, ging in ihr leeres Zimmer, strich über die scheppernden Plastikkleiderbügel im Schrank, betrat das Bad, in dem sie einige ihrer unzähligen bunten Anti-Bindestrich-Tiegelchen stehengelassen hatte, die lineallangen Haare in der Bürste. Schließlich wählte ich tranceartig ihre Küchenrollennummer, ließ es einige Male läuten, und speicherte die Zahlenfolge im Telefon. Gebraucht hatte ich sie selten, Vanessa war diejenige, die regelmäßig anrief, sie hatte einen Terminkalender, in dem sie mit rotem Stift alle getätigten Anrufe mit Datum vermerkte. Ein Grund, warum ich ihre Nummer immer noch nicht kannte, als ich den Satz „Ich werde Nils heiraten“ auf dem Anrufbeantworter hörte. Ich hörte ihn mir achtmal an, an verschiedenen Orten der Wohnung. Doch nie wurde aus „Nils“ nie.

*

Vanessa hielt einen Vortrag im NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg, exakt 1000 Meter ü. NN, als ich in Berchtesgaden mit dem Zug ankam. Sie arbeitete dort als eine Art Führerin oder wissenschaftliche Assistentin, ich schlich, müde nach der umständlichen Fahrt, mit Bus und Taxi und wieder Bus, mit meinem Koffer in den überheizten, abgedunkelten Raum, in dem es nach Plastik und Putzmittel roch, und sah sie während einer Filmvorführung seitlich auf einer Bühne stehen. Hakenkreuze huschten wild über ihr ebenmäßiges Profil, ihr Gesicht wurde abwechselnd in flimmerndes, mit Wochenschaufanfaren unterlegtes Weiß, Rot und Schwarz getaucht. Die Nazis in Schneewittchenfarben, dachte ich. In dem Saal saßen wenig Zuschauer, vorwiegend männliche Senioren, für die das alles, dem vorherrschenden Gesichtsausdruck nach, alter, guidoknoppartiger Schnee war. Ich setzte mich in die letzte Reihe und sah Hitler mit Göhring, Göbbels, Bormann und Speer rechts über Vanessa spazieren, sie grüßten gestenreich und übereifrig, pilotierten den Führer, standen schwärmerisch vor ionisch-dorischen Gipsmodellen und schließlich schulterklopfend am Balkon des Berghofs, Hitler streckte seinen rechten Arm aus, deutete mit dem Zeigefinger herrisch in die Bergtiara, sein spitzer Zeigefinger zielte plötzlich genau auf Vanessa. Sie trat instinktiv einen Schritt zurück und stand in der Dunkelheit. Der Film war zu Ende, doch das letzte Bild war zum Standbild eingefroren, der tötende Zeigefinger über dem ab 1937 hermetisch abgeschlossenem Gebiet, dem heimlichen Regierungssitz, ragte immer noch in Richtung Rednerpult, als wollte er Vanessa aufspießen wie einen seltenen Schmetterling.

„Am 25.04.1945 wurde schließlich ein Großteil der Bauwerke am Obersalzberg zerstört“, schloss Vanessa und wollte das Licht anmachen, als ein junger Mann aufschrie.

„HALT! Ist das der Watzmann dahinten?“

„Nein, der Jenner.“

„Das ist doch der Watzmann! Verarschen Sie uns doch nicht, Fräulein!“

Zustimmendes Brummen der älteren Männer. Was wusste so ein 28-jähriges blondes Ding schon von Berghof und Jenner. Da kannte man(n) sich schon besser aus.

Vanessa knipste blendendes Halogenlicht an und schaute gekränkt in die Runde, dass sich jetzt nach ihrer NS-Präsentation jemand für Berge interessieren konnte! „Folgen Sie mir bitte, wir gehen jetzt durch den lichtdurchfluteten Verbindungstunnel zu den Bunkeranlagen“, flüsterte sie. Sie hielt die Tür auf, bis die ersten Besucher mit hochgezogenen Augenbrauen süffisant ihrem Ersuchen nachkamen, sah mit ihren großen runden Kinderaugen nach dem jungen Mann, entdeckte mich, als ich auf sie zukam (sie trug aus Eitelkeit keine Brille) und lächelte, erfreut und erschrocken. „Da bist Du ja“, sagte sie schnell und umarmte mich so vorsichtig, als wäre ich eine der umherstehenden Litfasssäulen aus Pappe mit Eva-Braun-im-Dirndl-Schnappschüssen. „Tut mir leid, dass ich noch nicht fertig bin. Die Leute…“ Sie verstummte, weil ein paar Besucher dreist neben ihr stehenblieben und zuhörten „Dass wir uns gerade am Obersalzberg wiedersehen müssen“, grinste ich, hilflos ob all der Rempler ihrer nun in die Bunker preschenden Besuchergruppenellbogen und ihrer nervösen Unsicherheit. „Ja -„, sie stockte, sah demonstrativ auf ihre zierliche Armbanduhr, so übertrieben, wie es Kinder, Komiker und Fernsehkommissare tun, „am besten, wir treffen uns in einer Stunde im Kehlsteinhaus zur Brotzeit“, und eilte winkend in die Tiefe. „Den Weg findest Du leicht! Ich freu mich schon!“ Ihre Stimme klang ab „Du“ dumpf, wie aus dem Kohlekeller.

„Du ersparst mir den Bunker?“, rief ich ihr nach.

Ich bekam keine Antwort mehr. Nur der spitze Zeigefinger Hitlers zeigte nun auf mich, als ich allein vor der Bühne stand, verschwitzt, mit schwerem Koffer und noch schwereren Beinen. Zorn stieg in mir hoch. „Zeig Du nur“, murmelte ich und zog den Stecker des Videobeamers aus der Dose. Panik stieg in mir hoch, als ich aus dem verhängten Saal polterte.

Aus den Bunkern hörte ich es lachen.

*

Auf der fast sieben Kilometer langen, in die Felsen gebauten Straße zwischen Obersalzberg und Kehlstein wurden Spezialbusse eingesetzt, man stieg am Kehlstein aus, ging gute hundert Meter in den Berg hinein und fuhr mit einem messingverkleideten Aufzug direkt in das innere Kehlsteinhaus.

Die vollständige Geschichte finden Sie hier → Susanne Weinhart: Dîner Sole

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Christian Heynk: Kaspar Hauser 2025

antastbar - Die Würde des Menschen

antastbar - Die Würde des Menschen


Leseprobe aus dem Buch / eBook
antastbar
Die Würde des Menschen …


KASPAR HAUSER 2025
© Christian Heynk

NNERSKI    Hiermit erkläre ich die Untersuchung im Zusammenhang mit dem anwesenden Professor Doktor Norzel für eröffnet. Für das Protokoll: Ziel der Kommission und seiner Mitglieder ist es festzustellen, ob Professor Doktor Norzel bei seinem sogenannten Kaspar-Hauser-Versuch gegen geltendes Recht und gegen die von dieser Kommission verbindlich festgesetzten ethischen Richtlinien in der Forschung verstoßen hat. Professor Norzel, können Sie bitte als Erstes die genauen Umstände des Versuches schildern, der Gegenstand dieser Untersuchung ist?
NORZEL (räuspert sich)    Ja. Ziel eines jeden Kaspar-Hauser-Versuches ist es, einen Menschen von Beginn an von jeglichen Umwelteinflüssen fernzuhalten. Auf diese Weise glaubt man, Aufschluss darüber zu bekommen, welche Fähigkeiten ein Mensch von Geburt an besitzt und welche Fähigkeiten im Laufe des Lebens erlernt werden. Bei unserem Versuch handelte es sich um ein Retortenbaby, das direkt nach der Geburt in einem 20m² großen Labor untergebracht wurde. Das Labor war so konzipiert, dass die Ernährung des Säuglings größtenteils durch Maschinen erfolgen konnte. Persönlicher Kontakt mit dem Säugling wurde weitestgehend vermieden, um jede menschliche Beeinflussung des Säuglings zu unterbinden. Wie gesagt, es ging uns darum, den Säugling zu isolieren.
NNERSKI    Ist Ihnen diese Isolierung vollständig gelungen?
NORZEL    Nein, nicht vollständig. Es gab zwei oder drei Situationen, in denen der Nahrungsschlauch des Säuglings neu justiert werden musste. Für diese Aufgabe hatten wir Krankenschwestern engagiert, und wir hatten ihnen vorher die strikte Anweisung gegeben, nicht zu sprechen und den Säugling auf keinen Fall zu berühren. Woran sich die Schwestern auch alle gehalten haben. Ein weiteres Problem war die Bewegung. Wir hatten ein Gerät entwickelt, mit dem die Bewegungsapparate, also Arme und Beine des Säuglings trainiert werden konnten. Ein weiteres Gerät, das beim Urinieren und Defäkieren des Säuglings zum Einsatz kam, gewährleistete die adäquate Körperhygiene. Da das Kind aber wuchs, mussten auch diese Geräte in gewissen Abständen von unseren Technikern neu justiert werden. Die Techniker hatten dieselben Anweisungen bekommen wie die Schwestern, doch in einem Fall ist es zu einer Berührung gekommen.
NNERSKI    Was heißt das genau? Eine Berührung?
NORZEL    Nun, einer der Techniker hatte die Schlaufe, in der der Fuß des Säuglings steckte, verfehlt und die Ferse des Säuglings berührt. Wir brachen den Versuch aber nicht ab, weil wir uns dennoch brauchbare Ergebnisse erhofften. Eine einzige menschliche Berührung, so glaubten wir, würde keinen großen Einfluss auf den Säugling haben, solange er die meiste Zeit über in totaler Isolation blieb.
NNERSKI    Heißt das, bis auf drei, vier kurze Ausnahmen kam das Kind, ich korrigiere, der Säugling, nie mit Menschen in Kontakt?
NORZEL    Das ist korrekt!
NNERSKI    Wie entwickelte sich der Säugling?
NORZEL    Zunächst recht gut. Über den Nahrungsschlauch bekam er Muttermilch und Hefeschleim zugeführt, die Bewegungsapparate funktionierten einwandfrei und auch das UV-Licht ersetzte das natürliche Tageslicht, dergestalt, dass keine Unterschiede zwischen der Entwicklung eines normalen Kindes und unseres Versuchsobjektes erkennbar waren. Es entwickelte Milchzähne und krabbelte ganz normal umher, wenn es von den Gerätschaften abgekoppelt war. Nur die Sprachentwicklung setzte nicht ein!
NNERSKI    Wieso nicht?
NORZEL    Nun, das war nicht anders zu erwarten. Unsere Hauptthese geht davon aus, dass die Fähigkeit zur Sprache eben nicht angeboren ist, sondern dass die Sprache hauptsächlich durch Imitation erworben wird. Ein Kind wird nur dann „Mama“ oder „Papa“ rufen können, wenn es diese Worte zuvor vernommen hat. Da das Versuchsobjekt, also der Säugling, keinem Sprachsystem ausgesetzt war, entwickelte es auch keine Sprache. Unsere Kernspinaufnahmen des Gehirns zeigen auch eine im Vergleich zu natürlich aufwachsenden Säuglingen abgeschwächte Entwicklung des Broca-Zentrums, also des Teils im Gehirn, das für die Sprachentwicklung zuständig ist. Diese Befunde zeigen im Grunde, dass der Mensch keine oder nur sehr geringe natürliche Anlagen hat, die ihm das Sprechen erlauben.
NNERSKI    Heißt das, dass das Versuchsobjekt, ich meine der Säugling, überhaupt keine akustischen Signale gesendet hat?

… die Fortsetzung dieser spannenden Debatte gibt es in dem Buch / eBook

antastbar
Die Würde des Menschen …

Hrsg. Barbara Naziri
Vorwort Rüdiger Nehberg
Dr. Ronald Henss Verlag

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Karin Reddemann: Goethe gut

Goethe gut
© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeDer Hohlkopf legt sich doch glatt mit Goethe an! Dachte Frank Stewermann und beugte seinen Oberkörper weit, ganz weit nach vorn, um Dr. Klaus-Ernst Haferkott so nah wie möglich zu sein. Er war klein und dick, streng genommen hässlich auch noch. Aber ein Krieger. Kurzfristig fiel ihm sein Zwiebelmettbrötchen ein. Das roch der Typ jetzt wohl. Geschah ihm recht. Wirkte verwirrt. Vielleicht war ihm übel.
Dr. Haferkott rückte von ihm ab, glotzte ihn aus seinen blöden blauen Augen an, räusperte sich. „Sehe da jetzt keinen Zusammenhang, Herr Stewermann. Wie kommen Sie darauf, ich hätte etwas gegen Goethe? Was hat der mit Ihrem Roman zu schaffen?“
Du Idiot. Du stinkiger Banause. Schimpfte Stewermanns Kopf sachlich. Siehst Du Flachwichser von Verleger das nicht auf einen Blick? „Hier. Lesen Sie das mal.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Textpassage, die ihm besonders wichtig war: „(…) und Willtrud schleuderte Willibald ihr wollüstiges Wünschen mit den wilden Worten entgegen: ‘Mir wird, bei aller Kritik, doch oft um Hirn und Titten bang. Egal. Nur zu. Fick mich!’“
Haferkott, der Depp, entfernte seine Brille aus seinem Gesicht und putzte sie umständlich mit dem Zipfel seiner purpurroten Strickjacke.
Selbstgestrickt, alles klar, 68er, hat’s mit dem ollen Grass, die linke Bazille. Kennt Mutter Ajas Hätschelhänschen gar nicht. Dachte Stewermann und freute sich kurz, weil er selbst so klug war und dieser Haferkott so offensichtlich doof. „Faust. Der Wagner sagt das auch. So ungefähr. Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben, doch oft um Kopf und Busen bang. Müssten Sie doch wissen.“
Haferkott winkte müde ab. Er brauchte schwarzen Kaffee und einen normalen Menschen an seiner Seite. Keifte nach Edeltraud Mührhoff im Vorzimmer, die wieder ganz und gar unmöglich angezogen war, ärgerte sich. Wieso war die nicht chic? Fette Brüste, kurzer Rock, das wär’s doch. „Nachschenken“, keifte er, dann: „Gott. Stewermann. Faust. Haben Sie da etwa geklaut oder was? Soll ich das gut finden?“
Stewermann schubbelte mit seinem Hintern auf dem Stuhl hin und her. Her und hin. Verschenkte Zeit. Kostbare Zeit. Was für eine Frage. „Nein.“ Sagte er und verschränkte die Arme vor der feinkarierten Brust. „Nicht geklaut. Sinngemäß übernommen. Zeitgemäß angepasst. Überlegen Sie doch bitte, bevor Sie sich äußern. Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, Verehrtester.“ Bah, machte sein Bauch.
Haferkott sah ihn dumpf an.
Hohe Denkerstirn, schreit nach Verstand, aber die Maske fällt, es bleibt der Mensch. Und was für ein Arschgesicht von Mensch. Rousseau. Ode à la fortune. Dachte Stewermann und sagte: „Kafka. Das mit der Ungeduld ist von Kafka.“
Haferkott schluckte schlechten Kaffee, die Mührhoff konnte was erleben, verschluckte sich, verfluchte Edeltraud, lieber noch diesen Stewermann, schwor sich erneut, ihn wegwegwegzujagen und lächelte eisig. „Wie schön. Kafka. Wen haben wir denn noch?“
Stewermann lächelte erfreut zurück. „Lessing, mein Guter. Seite dreiundsiebzig. Mittig. Haben Sie’s? Ottokar und Lissbett. Ich zitiere: Und der Mond brannte ihm sonnenklar ins Gesicht. Sie hatten gevögelt. Sie jammerte wie ein kleines Vöglein. Er schleuderte Jupiter seinen Unmut entgegen, die Nase an die Scheibe gepresst. Erwägen! Erwägen! Ich erwäge, verdammt noch mal, dass es hier nichts zu erwägen gibt. Jetzt mach’ die Beine wieder breit, Lissbett! Ich liebe Dich.“
Haferkott träumte von einer Zigarette. Wieso hatte er den ganzen Scheißladen eigentlich zur nikotinfreien Zone erklärt? Er war der Chef. Er wollte jetzt rauchen. Die Mührhoff pafft, dachte er glücklich, die soll mir eine geben. Die hat welche, die darf hier nicht, aber ich. Vorher schmeiß ich den Stewermann raus. Vorher frag’ ich ihn, welchen Therapeuten er hat. Muss ein ganz armes Schwein sein. Er zupfte an seinem grünen Manschettenknopf. Scheußlich grün. Freeeeda! Du bist meine Frau. Wer hat Dir erlaubt, mir so was zu kaufen? Wer befiehlt mir, so was zu tragen? MUSS ist ein bitter Kraut. Eine harte Nuss. Wer hat das gesagt? Haferkott war irritiert. Nietzsche? Oder Klaus-Dieter Pötter, sein zugekokster Jungautor? Konzentration, Junge. Doktor Junge. Sagte er sich streng und runzelte die Stirn. „Diese verquirlte Kacke hat Lessing nicht geschrieben.“
Stewermann grinste. Hab’ ihn! Kennt sich wohl in Weltliteratur so gar nicht aus, der promovierte Hosenscheißer. Verkennt, verurteilt mich, und hat keine Ahnung. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Nein. Zu banal. Das weiß jeder Kartoffelbauer. Grillparzer ist besser. Ein Dummkopf bleibt ein Dummkopf nur für sich in Feld und Haus, doch wenn Du ihn zum Einfluss bringst, so wird ein Schurke draus. Besser noch: Ein Oberarschloch. Den Haferkott krieg’ ich. Den Vertrag krieg’ ich. Weiß nicht mehr weiter, der Sack. Der Furz. „Odoardo. Lessing. Emilia Galotti. Das Erwägen, das ist von ihm. Ich erwäge, dass es hier nichts zu erwägen gibt. Habe ich …“
Weiter kam er nicht. Haferkott fiel ihm ins Wort. „Ich weiß. Entnommen und abgeändert. Hören Sie, Herr Stewermann, Ihr Roman passt wirklich nicht in mein Konzept.“ So. Ruhe jetzt. Wegwegweg. Meinte er.
Von wegen. „Ihr geistiges Vermögen der Verknüpfungen der Vorstellungen mit Bewusstsein sollten Sie überdenken.“ Stewermann schnäuzte kräftig in sein Taschentuch. Wischte sich die Nase ab, ließ einen kleinen gelben Klumpen am linken Flügel hängen, der Haferkott kurz aufstoßen ließ.
Er rülpste kurz und fasste sich. „Wovon faseln Sie, Mann?“

Wie diese abgedrehte Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch / eBook
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
ISBN 978-3-9809336-3-6

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Gottfried Johannes Müller: Einbruch ins verschlossene Kurdistan

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Einbruch ins verschlossene Kurdistan – Abenteuerroman

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Gottfried Johannes Müller
Einbruch ins verschlossene Kurdistan


Einbruch ins verschlossene Kurdistan
© Gottfried Johannes Müler

Mit Fahrrad, Freund und sechzig Mark in den Orient

Seit Jahren ist es meines Herzens Wunsch und Sehnsucht, den Orient, von dem ich schon so viel gelesen habe, persönlich kennenzulernen. Längst habe ich dazu allerlei Vorbereitungen getroffen.
Jetzt ist der Wunsch zum Entschluss gereift.
Auch die vielerorts ausgebrochenen Unruhen können mich nicht mehr zurückhalten.
Überall ist Kriegsgeschrei …!!!
Aus Bulgarien hören wir Putschversuche, die Türkei meldet Anschlag auf Kemal Pascha, Griechenland hat große Revolution, Italien beginnt den Kolonialkrieg gegen Abessinien, drüben in Ägypten sind Unruhen und Schießereien, auch in Palästina und Syrien ist kein Frieden.
Kurz und gut: Alles ein Hexenkessel!
Und mitten hinein geht meine Fahrt. Jedoch keine Fahrt als Salonreisender. Keine Luxuszüge, keine modernen Autos sollen mich befördern. Elegante Schiffskabinen werden mir fremd bleiben, ebenso die vornehmen Hotels.
Wenn ich von der Welt und ihren Bewohnern etwas sehen und hören will, muss ich mich von vornherein auf eine einfache Lebensweise einstellen, um möglichst Land und Leute wirklich kennenzulernen.
Der Entschluss ist bald gefasst: Ich nehme ein Fahrrad!
Die äußerst schwierigen Vorbereitungen sind beendet. Nun wird gepackt: Ersatzteile für das Fahrrad, Reservekleidung und Wäsche, reichlich Medizin und ein Zelt mit Gerät.

Eine Trennung von meiner lieben kleinen Ziehorgel „Hohner-Regina“ ist undenkbar. Also nehme ich sie mit. Es hat mich nicht gereut, denn oft hat sie mir einsame Stunden erleichtert, oft mich aus peinlichen Situationen gerettet.
Eine Pistole mitzuführen, ist mehr als gefährlich. Werde ich erwischt, kann ich bös hereinfallen und einige Monate im Gefängnis brummen.
Aber: Wer wagt, gewinnt!
An einem schönen Septembermorgen geht’s los.
Natürlich mit einem gleichgesinnten Freund, der mir durch dick und dünn zur Seite steht.
Unsere Geldmittel sind äußerst bescheiden. Sechzig Reichsmark in Devisen genehmigte das Gesetz. Die gleiche Zahl betrug unser Fahrrad samt Gepäck: 60 Kilogramm!

Etwas beklemmend ist der Übertritt in ein fremdes Land. Schon bin ich nicht mehr in der schützenden Obhut und Fürsorge des Heimatlandes, sondern ganz auf mich selber angewiesen und unsagbaren Gefahren ausgesetzt.
Prag, die herrliche alte Stadt an der Moldau ist ein angenehmer Auftakt.
Budapest finde ich entzückend.
Siebenbürgen macht uns mit den Leiden und Freuden der dortigen Deutschen bekannt.
Bukarest zeigt uns schon einen schwachen Hauch orientalischen Lebens.
Dann liegt das Schwarze Meer vor uns. Die erste Seefahrt von Konstanza aus über Bulgarien in die Türkei ist wie ein Traum. An einem frühen Morgen geht’s durch die einzigartigen Naturschönheiten des Bosporus, und bald liegen wir im „Goldenen Horn“, dem Hafen Konstantinopels, vor Anker.
Wir staunen lange ob des bezaubernden Anblicks, den uns das Stadtbild mit den vielen Menschen und Minaretts bietet. Aber eine recht unangenehme Zollkontrolle ruft uns in die raue, schon echt orientalische Wirklichkeit zurück.
Früher als vorgesehen schiffen wir uns wieder ein. Denn gestern noch waren die Dardanellen wegen wilder Kriegsgerüchte durch Minenketten gesperrt. Heute jedoch ist die Durchfahrt gestattet.
So gelangen wir vorzeitig auf dem kleinen, schmutzigen Türkendampfer „Inebolu“ bei Nacht und Nebel durch die Meerenge, hinüber nach Kleinasien.
Nach zwei Tagen, die wir mit über hundert zerlumpten Rekruten verbringen müssen, welche uns nebenbei eine gehörige Ladung von billigem Ungeziefer besorgen, landen wir gegen Abend in Smyrna.
Unvergesslich sind die Ausflüge zu den antiken Ruinenstätten von Ephesos und Pergamos.
Wie wir dann in die Hafenstadt zurückkommen, stockt uns fast der Atem. In einer uns wohlbefreundeten Familie hören wir zu unserem nicht geringen Schrecken, dass die „Inebolu“ auf ihrer nächsten Fahrt hierher in einem Sturm mit Mann und Maus untergegangen sei …
Welch eine göttliche Bewahrung! Denn unsere Schiffskarten für die „Inebolu“, die wir in Deutschland schon gekauft hatten, lauteten genau auf das Datum ihres Untergangs!
„Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.“ Das ist von vornherein unsere Devise gewesen. So landen wir bald auf der Insel Rhodos (d.h. Roseninsel), berühmt durch ihre überragende Schönheit.

Nach zwei Wochen setzen wir die Reise fort nach Ägypten und damit nach Afrika.
Von Alexandrien aus radeln wir weiter in die Hauptstadt Kairo, die uns das Wort „Orient“ in allen Variationen vorführt. Hier lernen wir auch den ganzen Schmutz, das fürchterliche Elend, die unsagbare Armut, vermischt mit unbeschreiblichen Krankheiten, kennen.
Wehe, wenn hier im Orient jemand von Mitleid erfasst wird. Er wird bald auf Schritt und Tritt verfolgt und kann sich nur noch durch ganz rasches Verschwinden retten. Anstelle eines „Bakschisch“ (Geschenk) bekommt der Bittende nicht selten einen Fußtritt, oder er wird angespuckt, wenn nicht gar verflucht. Immer wieder hören wir Flüche wie „In al abuk“, d.h. „verflucht sei dein Vater“, oder „Ebnil kälb“, d.h. „du Sohn eines Hundes“.
Hier in Kairo sind wir mitten in den blutigen Unruhen. Nicht selten sehen wir, wie ein Demonstrationszug die Polizei angreift oder einen Straßenbahnwagen völlig demoliert.
Wir machen noch einen kurzen Besuch bei den Pyramiden, in Sakkara und Memphis. Dann soll’s weiter gehen gen Osten, hinein nach Asien.
In Ismaila erreichen wir den Suezkanal und treffen noch am selben Tag in Port Said ein.
Es sind noch wenige Tage bis Weihnachten. Nach all den bisherigen Sonnentagen ist es heute etwas stürmisch, und unser Kapitän überlegt, ob wir bei dem augenblicklichen Seegang vor Jaffa anlegen können oder gleich nach Haifa weiterfahren müssen. Schließlich bleiben wir aber doch hier.
Bald stehe ich mit meinem Freund auf dem Boden des Heiligen Landes.
Nach einem äußerst anstrengenden Tag, der uns die Fahrräder mit dem schweren Gepäck in strömendem Regen hinauf auf die Berge von Juda schieben sah, kommen wir endlich nach Jerusalem.
Ein deutscher Freund erwartet uns hier, und bald haben wir ein neues Nest gefunden, von dem aus wir unsere weiteren Ausflüge unternehmen werden.
Am Christabend wandern wir zusammen mit anderen Deutschen hinaus nach Bethlehems Fluren, um auf dem Hirtenfeld, in der Geburtskirche und später dann in der kleinen deutschen Kirche Weihnachten zu feiern.
Kann man solch erhebende Stunden auf geweihter Erde je vergessen? Ich nicht!
An Silvester ereilt meinen lieben Reisegefährten ein tragisches Schicksal. Schon bald nach unserer Ankunft überliefen ihn kalte Fieberschauer. Schüttelfrost! Der herbeigerufene Arzt stellt Typhus fest und steckt den armen Kerl fünf Wochen ins Hospital.
Nach dieser Zeit und der notwendigen Erholung muss er auf direktem Weg heim, zurück nach Deutschland, fahren.
Schweren Herzens muss ich mich von ihm trennen.
Aber meine brennende Sehnsucht zieht mich vorwärts!
Die Frage der Finanzierung dieser Weiterreise war natürlich nicht einfach. Bis hierher hatte ich mit manchen Einschränkungen kommen können, hatte ich doch die Schiffskarten schon zu Hause gekauft. Außerdem übernachtete ich mit meinem Freund fast ausschließlich in unseren praktischen Zelten.
Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!
Was irgendwie entbehrlich war, wurde verkauft: Fahrrad, Zelt, Medizin, Instrumente und eine Menge Kleinkram. So bekam ich schon ein ganz nettes „Taschengeld“ für die Weiterreise zusammen.
Dazu spendete mein lieber palästinischer Freund noch einige Englische Pfunde.
Nun konnte ich es also wagen!
Wer den tieferen Orient nicht kennt, kann sich keine Vorstellung machen, wie billig man in diesen primitiven Gegenden lebt! Tatsächlich kommt man mit „Pfennigen“ aus. Nur muss aller europäische Komfort wegfallen.
Später stellte sich heraus, dass ich richtig kalkuliert hatte.
Schon für vier Pfennige bekamen wir eine ordentliche Portion arabischer Kost. Lange Zeit ernährten wir uns täglich mit wenig mehr als einer Handvoll getrockneter Datteln; Kostenpunkt: zwei Pfennige. Für Droschkenfahrten zahlte man zehn Pfennige, für Stiefelputzen drei Pfennige. Unsere Autofahrt im „eleganten Salonwagen“ durch die tausend Kilometer lange Syrische Wüste zurück nach Damaskus kostete nicht mehr als sechs Reichsmark. Das sind nur einige Beispiele!
Was meine Reisekasse aber am wenigsten beanspruchte, war die orientalische Gastfreundschaft. Hierin hatte ich ein ganz besonderes Glück. Manche Woche war ich irgendwo zu Gast. Ich hätte den Gastgeber kaum schwerer beleidigen können, als wenn ich ihm für den Aufenthalt Geld angeboten hätte.
Macht sich der Leser von dieser billigen Lebensweise eine Vorstellung, dann kann er begreifen, wie ich mit wenigen Mitteln ehrlich und aufrecht durchgekommen bin.
Es soll aber niemand in die Versuchung kommen, mit ein paar Groschen in der Tasche den Orient zu bereisen!
Ach, wie werden jene, die mit den Verhältnissen und der Sprache nicht vertraut sind, kräftig übers Ohr gehauen! Oft wird ihnen ein unverschämt hoher Preis abverlangt und man bezahlt ihn am Ende, nur um der Aufdringlichkeit und dem fürchterlichen Geschrei der Markthändler zu entgehen.
Ist aber ein solcher Reisender wirklich einmal blank, dann lernt er den wundervollen Orient von einer anderen Seite kennen!
Ich habe auch solche Arme getroffen, welche aus dieser Not nicht mehr herausgefunden haben.
Für meinen heimgekehrten Freund lerne ich auf einer meiner umfangreichen Reisen kreuz und quer durch Palästina „Sepp“, einen Tiroler Studenten, kennen.
Auch er hatte die Absicht, noch weiter nach Osten zu reisen.
Nie hat es mir leid getan, diesen edlen, frommen, aber auch eisernen Kerl mit mir genommen zu haben. Ich kann wohl sagen, er wurde mir ein Freund im wahrsten Sinne. Die Freude üppiger Tage, aber auch das bittere Leid von Not, Verfolgung und Überfällen hat er geduldig mit mir getragen.
Unsere Blicke wandern nach Norden. Wir warten schon bald eine Woche, bis die Revolution in Syrien, hauptsächlich der Ausnahmezustand von Damaskus, beendet ist, denn vorher ist es unmöglich, das syrische Visum zu bekommen. Von dort aus wollen wir dann nach Mesopotamien fahren.

Wieder einmal sitzen wir im Kaffeehaus eines Griechen, schön gelegen am See Genezareth, und lesen die neuesten Nachrichten von dem Nachbarland Syrien.
Plötzlich fährt draußen wie ein spukhafter Feuerteufel ein roter Lastwagen vorüber. Ich springe hoch, bin schon auf der Straße und pfeife mit aller Kraft durch die Finger.
Tatsächlich hören es die Fahrer und halten an.
Ich eile hin und lese, wie ich es gehofft hatte: „Overland-Desert-Route.“
Ein Wagen nach Bagdad!
Klar, wir fahren mit!
Nach einer Stunde haben wir die palästinische Grenze schon hinter uns. Nun geht es hinein in die wuchtigen Moabiterberge Transjordaniens.
Dann folgt Wüste, unendliche Wüste. –

Wie diese unglaublich spannende Reise weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook


Gottfried Johannes Müller
Einbruch ins verschlossene Kurdistan

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Patricia Koelle: Eine Frage der Zeit

Leseprobe – Buchtipp – Buchhinweis – Kurzgeschichte – Füße der Sterne

Leseprobe aus dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

Eine Pressestimme:
… Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung „Die Füße der Sterne“
Zeitschrift bella Ausgabe 2/2010, Seite 4

Eine Frage der Zeit

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneEr würde wieder Unmögliches von mir verlangen. Ich sah es an Ekki Priemers betont gleichgültigem Gesicht, als er am Montagnachmittag mit den Händen in den Taschen auf meinen Schreibtisch zugeschlendert kam.
Keine Ahnung, wie er darauf gekommen war, dass Julius Anwander zu einem der wirren und weitläufigen Zweige meiner Familie gehörte. Aber Priemer ist Herausgeber der Lokalzeitung, und es ist sein Job, alles zu wissen. Vor allem die Dinge, die er nicht wissen soll.
Und er ist mein Chef.
„Karla“, sagte er, „Sie haben doch Semesterferien.“
Da er das schließlich ganz genau wusste, konnte ich es schlecht abstreiten.
„Ich muss für eine Prüfung lernen“, sagte ich.
Er wischte diesen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. „Das können Sie auch woanders. Ich möchte, dass Sie ein paar Tage wegfahren. Da gibt es dieses idyllische Nest. Altenholz. Und genau da lebt dieser merkwürdige Kauz, dieser Anwander, der niemanden an sich heranlässt.“ Er beugte sich blitzschnell zu mir herunter und bohrte seinen Haifischblick in meine Augen. „Aber Sie wird er lassen. Ich weiß, dass Sie mit ihm verwandt sind. Es ist mir gleich, wie weit entfernt.“
„Ich kenne ihn aber nicht. Wer ist das?“
„Tun Sie nicht so unschuldig“, zischte er. „Selbstverständlich haben Sie von ihm gehört. Auch in Ihrer Familie gibt es Klatsch und Tratsch. Der war Arktisforscher und dann hat er diese Bücher geschrieben, die die Leute verzaubert haben, bevor sie sie wieder vergaßen. Über erschreckend kurze Tage und ewige Nächte, über Nordlichter, die ihn mit ihrer Schönheit zum Heulen brachten, über großartige Begegnungen mit Eisbären, leuchtenden Algen, Eiswürmern und dem Alleinsein mit sich selbst und seiner Angst in einer ungeheuren Weite. Er hat siebzehn verschiedene Blautöne in einem einzigen Eisberg gefunden. Er hat die Schwierigkeiten, auf treibenden Eisschollen meteorologische Instrumente vor einem Publikum aus neugierigen Seehunden aufzubauen, so beschrieben, dass die Menschen Tränen lachten. Aber er hat sich nie zu Lesungen überreden lassen. Nicht einmal zu Interviews.“
„Und was ist jetzt der aktuelle Bezug?“, wollte ich wissen. „Hat er ein neues Buch geschrieben?“
„Nein. Man hat seit Jahren nichts von ihm gehört. Aber Klimawandel, Gletscherschmelze, Erhöhung des Meersspiegels, Sie wissen schon. Ist doch hochaktuell. Vielleicht hat der verrückte Kauz was dazu zu sagen, was die Leute verstehen. Die Experten im Fernsehen faseln Fachchinesisch. Damit kann keiner was anfangen. Anwander ist einer, der die Leute berühren kann.“
„Offenbar will er aber nicht mehr.“
„Dann bringen Sie ihn dazu, Frau März. Oder liegt Ihnen nichts mehr an Ihrer Arbeit bei uns?“ Er roch nach alten Zwiebeln.
Am liebsten hätte ich ihn frech angegrinst und meinen Schreibtisch geräumt. Aber leider brauchte ich den Job. Auch wenn es nur die Lokalzeitung war. Priemer war anerkannt, die Zeitung hatte einen guten Ruf. Ich brauchte Erfahrung und Referenzen, wenn ich eine erfolgreiche Journalistin werden wollte. Das Geld übrigens auch.
Natürlich kannte ich die Bücher von Julius Anwander. Seinetwegen hatte ich sogar einmal Arktisforscherin werden wollen. Na gut, da war ich dreizehn. Aber einen Rest von Bewunderung und Begeisterung konnte ich durchaus wiederfinden.
Nur hatte Julius keinem Mitglied seiner umfangreichen Familie jemals ein Zeichen gegeben, dass er bewundert werden wollte. Oder befragt.
„Wann soll ich losfahren?“, fragte ich den Haifisch.
„Morgen natürlich. Sie finden bestimmt einen preiswerten Gasthof. Besorgen Sie ein Geschenk für den Alten, Wein, Blumen, was auch immer. Die Zeitung zahlt. Und dann ran an ihn. Finden Sie heraus, was er denkt. Über die Zukunft. Über unseren Umgang mit der Umwelt. Ob er einen Rat hat. Egal. Hauptsache, es klingt interessant. Ein Interview mit Anwander ist schon eine Sensation, der Inhalt ist nicht wichtig.“
„Toll!“, dachte ich, „Inhalt unwichtig – das ist nicht wirklich die Einstellung, mit der ich meine Karriere beginnen wollte.“
Nun, ich würde schon einen finden, der sich lohnte. Vorausgesetzt, ich fand Julius Anwander.
Der Haifisch hatte zwar seine aktuelle Adresse herausgefunden, aber das hieß ja noch lange nicht, dass da auch jemand zuhause war. Vielleicht war er auf Expedition. Er war nämlich noch gar nicht alt. Achtundfünfzig, um genau zu sein.
Ich fand es auch nicht gerade höflich und respektvoll, ohne Ankündigung bei ihm aufzukreuzen. Aber wenn er nicht besucht werden wollte, war es wohl besser, ihn zu überrumpeln, als mir von vornherein eine Absage zu holen.
Als Verwandte kann man ja einfach mal vorbeikommen, oder?
Was Priemer nicht wusste, war, dass in der Nähe von Altenholz noch eine Tante zweiten Grades von mir wohnte, die sich über einen Besuch von mir freute. Ihre Kinder waren längst ausgeflogen und außer schwatzhaften Nachbarn und Stubenfliegen trieb sich nicht allzu viel Leben bei ihr herum.
Ich bezog also ein winziges Gästezimmer bei Tante Marietta, in dem alles kariert war, Bett, Gardinen, Teppich, Tischdecke, Waschlappen, sogar eine Bordüre an den Wänden. Mir kamen Bedenken, ob ich nach drei Tagen hier noch einen Gedanken würde fassen oder einen Satz schreiben können, der nicht auch kariert war. Aber Tante Mariettas Schokoladenkuchen rückte alles wieder gerade. Falls er mich nicht sogar unverwundbar machte. Vielleicht konnte ich damit sogar Julius Anwander bestechen.
„Der Julius?“, sagte Tante Marietta auf meine Frage hin in einem Ton, als hätte sie eine Ratte in der Speisekammer gefunden. „Den kannst vergessen.“ Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Ich vermutete, dass Julius sich irgendwann einmal nicht für ihre Geburtstagskarte bedankt hatte und seit Jahren nicht in der Kirche gesehen worden war. Aber vielleicht steckte noch mehr dahinter. Langsam wurde ich neugierig.
„Geh ruhig hin“, sagte Tante Marietta düster. „Wirst sehen, was davon hast.“
Beim Kofferpacken hatte ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich mich chic machen sollte, um Eindruck bei Julius zu schinden, oder ob ihn etwas Bodenständiges, Praktisches eher wohlwollend stimmen würde. Ich entschied mich für Letzteres, da er in der Arktis bestimmt nicht mit Krawatte herumgelaufen war.
Die Überlegungen hätte ich mir sparen können. Bei uns war schon fast Frühling, aber hier oben hatte es sich der Winter offenbar für längere Zeit gemütlich gemacht. Als ich aufwachte, zeigte das Thermometer minus fünfzehn Grad, und zu den zwanzig Zentimetern Schnee von gestern waren dreißig hinzugekommen. Etwas anderes als ein dicker Pullover, Thermohosen, Stiefel und Skijacke kam sowieso nicht in Frage. Anwander wohnte auf einem alten Hof halb den Berg hinauf. Tante Marietta war nicht der Meinung, dass die Straße dorthin geräumt worden war. Sie drückte mir eine Wanderkarte in die Hand und sagte, ich solle dem Weg mit dem grünen Doppelstrich folgen. Ich steckte mein Diktaphon ein, meinen Notizblock und ein Stück Kuchen, von dem ich behauptete, es als Proviant zu benötigen.
Der Weg war länger als gedacht. Mehrfach versank mein Bein bis zum Knie in einer Schneeverwehung, und darunter griffen Wurzeln nach mir. Ein scharfer Wind fand den Weg durch Reißverschlüsse und Ärmel. Winzige Tannen wirkten wie Wesen im Pelz, die sich zueinander gebeugt Geheimnisse ins Ohr flüsterten. Eigentlich fand ich es herrlich. Ohne Grund wäre ich niemals hier spazieren gegangen. Warum eigentlich? Aber als ich schließlich den Rabenhof fand, hatte ich nasse Füße und Hosen, steif gefrorene Finger trotz meiner Handschuhe und freute mich unheimlich auf eine Tasse heißen Tee. Oder heißen Irgendwas.
Er hatte nicht einmal den Weg zur Haustür gefegt. Wenn es einen gab. Immerhin gab es ein Schild. „J.A.“ stand darauf. Das Gebäude war niedrig, und die Kanten vom Dachüberhang verschwanden fast im Schnee. Der First schien nicht mehr ganz gerade zu sein. Er wirkte, als sei das ganze Haus zusammengesackt und niemand hätte es bemerkt.
Ich fasste mir ein Herz und klingelte.

Wie die Geschichte weitergeht erfahren Sie in dem Buch / eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

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Manfred Schröder: Tuomas

Leseprobe
Tuomas von Manfred Schröder
aus dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten



Tuomas
© Manfred Schröder

Tuomas schoss den Stein durch ein imaginäres Tor. Volltreffer! Er wollte schon zum zweiten Schuss ansetzen, doch er hielt inne. Der Gedanke an Mamma war stärker als die Fußballweltmeisterschaft in seiner Phantasie. Er trug die neuen Schuhe heute zum ersten Mal. Und er kannte Mammas Wutausbrüche. Zwar kurz, aber nicht ungefährlich. So verzichtete er auf das Goldene Tor und war mit dem Ergebnis zufrieden. Er blickte auf seine Schuhspitzen. Zum Glück gab es keine Schrammen.
„Milano“, hatte sie betont. „Echtes Leder. Und das ist nicht billig.“
Papa war anders. Er war still und trank. Wenn auch nicht viel. Jetzt war er arbeitslos und trank ein bisschen mehr. Doch dies tat er fast nie zu Hause, sondern mit den Kumpels beim Lalli*. Manchmal machte er Schwarzarbeit. Das Geld gab er Mamma. Dann wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, und schwankte zwischen Dankbarkeit und Jammern. Dass das Geld weder vorne noch hinten reiche und sie nicht wisse, wie alles bezahlt werden solle.
Tuomas hatte sich daran gewöhnt. Er war zwölf und schien unaufhörlich zu wachsen. So behauptete es jedenfalls Mamma.
„Auf dem Flohmarkt gibt es gute und billige Sachen“, erklärte des Öfteren Papa. „Tuomas könnte sie bestimmt tragen.“
Mamma kaufte jedoch alles im Geschäft. „Wir sind keine Bettler!“ Trotzdem vergaß sie nie, darauf hinzuweisen, wie schnell das Geld verschwand.
Papa nickte dann nur und schwieg. Oder er stand auf und ging zum Lalli.
Ab und zu steckte er Tuomas ein paar Euro zu; heimlich. „Ein großer Junge braucht schon mal etwas Geld.“
Tuomas verstand nicht immer die Handlungsweisen von Papa und Mamma. Er lebte in seiner eigenen Welt, irgendwo zwischen Supermann und Fußballstars.
Am Samstag beim Frühstück hatte sich Mamma wieder in Rage geredet. Die Zeitung berichtete über einen Mann, der ein kleines Mädchen unsittlich belästigt haben sollte. Und dann davongelaufen war, als er Spaziergänger kommen sah.
„Und das alles hier in der Nähe des Parks.“
Dann hatte sie Papa die Zeitung gereicht. „Das ist er!“
Die Polizei hatte eine Zeichnung anfertigen lassen. Ein älterer Mann mit traurigen Augen.
„Hoffentlich kriegen die den bald. Weißt du noch, im letzten Jahr?“
Dann war sie plötzlich aufgesprungen, aus der Küche gerannt und nach kurzer Zeit mit Liisa auf dem Arm zurückgekehrt. Liisa war Tuomas’ kleine Schwester und drei Jahre alt. Mamma hatte geschnauft und war ganz aufgeregt. Als ob der Unhold sich schon in der Wohnung befunden hätte.
Nach einer Weile hatte sie sich beruhigt und Liisa auf Tuomas’ Schoß gesetzt. „Pass auf, dass sie nicht herunterfällt.“
Er konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals auf den Boden gefallen wäre, wenn sie auf seinem Schoß gesessen hatte.
Mamma war dann zum Ofen gegangen, hatte mit den Töpfen herumhantiert und sich über die Unfähigkeit der Polizei wieder in Rage geredet.
Papa war aufgestanden. „Ich gehe zum Markt. Ohlson hat Arbeit für mich.“
Ohlson war der Gemüsehändler, bei dem Papa manchmal aushalf. Mamma kannte ihn nicht, doch sie mochte ihn nicht leiden. „Der nützt dich doch bloß aus“, ereiferte sie sich jedes Mal. Dennoch war sie froh über das Geld, das Papa nach Hause brachte. Ebenso über das Obst und Gemüse, das er in großen Tüten heranschleppte.
Als Papa gegangen war, hatte Tuomas Mamma seine Hilfe angeboten. „Ich kann mit Liisa auf den Hof hinuntergehen. Sie kann dort im Sandkasten spielen.“
Natürlich hatte sie wieder ihre Zweifel gehabt. „Aber sei vorsichtig, dass nichts passiert. Kann ich mich darauf verlassen?
Tuomas hatte genickt. „Du kannst, Mamma!“
Sie hatte Liisa angezogen und selber hinuntergebracht. War zum Sandkasten gegangen und hatte ihn erst untersucht. „Dauernd laufen hier Hunde herum. Warum kann man sie nicht an der Leine halten!“ Und voller Sorgen war sie ins Haus zurückgekehrt.
So war es oft am Samstag.
Tuomas setzte sich auf eine umgedrehte Holzkiste, die jemand hatte liegen lassen. Hinter ihm lag der Park und vor ihm erhoben sich hochgezogene Mauern eines Hauses, welches sich noch im Rohbau befand. Eisengerüste umklammerten es wie riesige Spinnenbeine. Überall lag Material umher, das man am Freitag, wohl in Erwartung des Wochenendes, nicht mehr weggeräumt hatte.
Tuomas blickte den Wolken nach, die lustlos wie ein Sonntagnachmittag am Himmel dahinzogen. Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er erblickte einen bärtigen Mann, der sich auf das Haus zubewegte und ein mit einem Strick zusammengehaltenes Bündel unter dem Arm hielt. Er trug einen langen, grauen Mantel und seinen Kopf bedeckte eine Wollmütze.
Tuomas kannte solche Männer. Manchmal saßen sie auf den Bänken im Park oder schliefen dort, wenn es nicht zu kalt war.
„Gesindel“, sagte Mamma immer. „Das Einzige, was die können, ist trinken. Zum Arbeiten haben die doch keine Lust.“ Dabei schaute sie manchmal Papa an, als gehöre er auch zu jenen.

Die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch / eBook
Der Mann, der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten

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